Zeitung Heute : Des Menschen Kern

Die koreanischen Forscher hoffen auf neue medizinische Heilmethoden, die Kritiker befürchten massiven Missbrauch. Erstmals ist es gelungen, embryonale Stammzellen durch Klonen zu gewinnen. Fortschritt oder Grenzüberschreitung? Dazu Fragen und Antworten.

Hartmut Wewetzer

Wie wurden die Embryonen geklont und die Stammzellen hergestellt?

Die koreanischen Forscher entnahmen 16 Frauen insgesamt 242 Eizellen, von denen 176 benutzt wurden. Die Eizellen wurden entkernt und stattdessen der Zellkern einer Körperzelle jeweils der gleichen Frau eingefügt. Kurze Stromschläge erleichterten die Verschmelzung. Nach einer Ruhezeit von einigen Stunden setzten bestimmte Chemikalien die Zellteilungsprozesse in Gang. Auf diese Weise erzeugten die Wissenschaftler insgesamt 30 menschliche Keimblasen (Blastozysten). Die menschliche Blastozyste entsteht am fünften Tag nach der Befruchtung und umfasst mehrere Dutzend bis hundert Zellen. Im Mutterleib nistet sich die Keimblase etwa am achten bis neunten Tag in der Gebärmutter ein. Die geklonten Blastozysten wurden jedoch nicht in eine Gebärmutter eingepflanzt. Stattdessen wurde ihnen die innere Zellmasse entnommen, um aus dieser Stammzellen zu gewinnen. Es gelang den Forschern in einem einzigen von 20 Fällen, aus der inneren Zellmasse embryonale Stammzellen zu erzeugen, also eine „Zelllinie“ zu züchten. Übrigens vermeiden die Wissenschaftler selbst den Ausdruck „Embryo“ und sprechen immer von Blastozysten, weil ungewiss ist, ob die geklonten Zellen wirklich einem entwicklungsfähigen Embryo entsprechen.

Was ist das Neue an dem Verfahren?

Bereits in der Vergangenheit wurde menschliches Leben geklont, doch gelang es wohl nicht, die embryonalen Keime über das Stadium weniger Zellteilungen hinaus zu entwickeln. Den Koreanern glückte dagegen die Zucht von 150 bis 200 Zellen umfassenden Blastozysten und sogar die Gewinnung von embryonalen Stammzellen. Das ist bislang einmalig.

Was war das Erfolgsrezept?

Bisher gab es ernsthafte Zweifel daran, ob sich menschliches Leben überhaupt klonen lässt. Grund war eine Studie an Rhesusaffen, bei denen das Klonen fehlschlug, weil der komplizierte Spindelapparat der Eizelle dabei beschädigt wurde. Mit dem Spindelapparat werden die Chromosomen an dünnen Fäden gezogen und auf die beiden Tochterzellen verteilt. Der Spindelapparat ist offenbar bei Menschenaffen besonders empfindlich und wurde bei der herkömmlichen Entkernung der Eizelle zu stark beschädigt. Die Koreaner gingen hier viel vorsichtiger als andere Klontechniker vor. Der Zellkern wurde nicht abgesaugt, sondern vorsichtig durch eine kleine Öffnung herausgepresst. Außerdem benutzten die Forscher ganz frische Eizellen, strikte Zeitpläne und spezielle Chemikalien zur Wachstumsstimulation.

Wie groß ist beim Klonen die Gefahr des Missbrauchs?

Natürlich haben nun Sektierer und andere Möchtegern-Menschenkloner eine Art „Gebrauchsanleitung“ bekommen. Aber ganz abgesehen von der Frage, ob die so erzeugten Keimblasen wirklich zu einem Menschen heranwachsen können, erfordert die Methode viel Fingerspitzengefühl – Klonen ist nicht wie Kuchenbacken. Damit aber der Missbrauch gar nicht erst versucht wird, plädieren viele Wissenschaftler für ein weltweites Verbot des reproduktiven Klonens, bei dem ein ganzer Mensch kopiert werden soll. Sie befürchten für diesen Fall, dass der geklonte Mensch geringe Lebenschancen hätte, krank und fehlgebildet wäre oder vorzeitig altere.

Was sind die Möglichkeiten des therapeutischen Klonens?

Mit dieser Methode hergestellte Stammzellen sollen als Quelle für Ersatzgewebe dienen, mit dem kranke, verbrauchte oder zerstörte Organe oder Organteile ersetzt werden – etwa bei der Zuckerkrankheit (Diabetes), der Schüttellähmung (Parkinson) oder der Multiplen Sklerose. Weil das Ersatzgewebe die gleichen Gene wie der Patient enthält, ist keine Abstoßungsreaktion des Körpers zu erwarten.

Wann wird der erste Mensch mit geklonten Stammzellen behandelt?

Ob und wann das therapeutische Klonen beim Menschen erfolgreich sein wird, lässt sich noch nicht sagen. Die Forschung steht erst am Anfang. Rasante Entwicklungen sind ebenso möglich wie schwere Rückschläge. In den nächsten Jahren ist aber ganz sicher noch nicht mit seriösen Behandlungsversuchen am Menschen zu rechnen.

Welche medizinischen Nachteile und Risiken gibt es?

Der Hauptnachteil besteht darin, dass menschliche Eizellen zum Herstellen der Stammzellen benötigt werden. Theoretisch könnte also eine jüngere Frau sich mit geklonten Stammzellen behandeln lassen, die mit Hilfe ihrer eigenen Eizellen erzeugt wurden. In allen anderen Fällen wäre man auf Eizell-Spenden angewiesen.

Welche Alternativen gibt es?

Chinesische Forscher arbeiten daran, statt weiblicher tierische Eizellen zum „Ausbrüten“ der Stammzellen zu benutzen. Dem Deutschen Hans Schöler gelang es in den USA vor einigen Monaten, aus embryonalen Stammzellen Eizellen herzustellen – auch das ist eine potenzielle Quelle für das Erzeugen von Klonzellen. Ansonsten setzen deutsche Forscher eher auf Stammzellen, die nicht aus Klonen stammen. Vor allem zwei Quellen kommen in Frage: zum einen embryonale Stammzellen. Sie werden aus aufgegebenen Embryonen hergestellt, die für eine künstliche Befruchtung vorgesehen waren. Und zum anderen adulte Stammzellen (Gewebe-Stammzellen), etwa aus dem Knochenmark. Allerdings sind die Möglichkeiten dieser ethisch unverfänglichen Quelle von Ersatzgewebe in der Vergangenheit vermutlich überschätzt worden.

Wie sind die rechtlichen Rahmenbedingungen?

Gegen das reproduktive Klonen sprechen sich die meisten Länder aus, beim therapeutischen Klonen ist die Meinung dagegen weltweit geteilt. Deutschland zum Beispiel verbietet jede Art von Klonen und auch die Erzeugung embryonaler Stammzellen aus Embryonen. In Großbritannien ist beides bei Einhaltung strenger Vorschriften erlaubt, nicht dagegen das Menschen-Klonen. Auf Ebene der Vereinten Nationen scheiterte ein weltweites Verbot, weil keine Einigkeit darüber herrschte, ob man „nur“ das reproduktive oder auch das therapeutische Klonen verbieten sollte.

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