Zeitung Heute : Des Sprudels Kern

Eine kleine Brauerei in der Rhön droht Pleite zu gehen – da setzt ein Mann auf eine neue Idee. Zehn Jahre später gibt es seine Ökobrause überall. Eine Erfolgsgeschichte.

Katja Michel

Erfinder ist ein Full-Time-Job. Erst recht, wenn die Natur im Spiel ist. Bakterien kennen keine Nacht- und Ruhezeiten. Sein Versuchslabor hatte Dieter Leipold deshalb direkt neben dem Schlafzimmer eingerichtet, gleich hinter der Küche. So konnte er jederzeit nachsehen, ob mit den empfindlichen Organismen in ihren Glaskolben auch alles in Ordnung ist. Braumeister Leipold, 68, hat in seinem Heimlabor die Erfolgslimo Bionade entwickelt. Und die ist derzeit so etwas wie der Star im deutschen Getränkeregal. 60 Millionen Flaschen sollen dieses Jahr abgefüllt werden, das sind 30-mal so viele wie noch 2003.

Dabei ging es schleichend los, in Berlin wie in anderen deutschen Großstädten: Zuerst gab es Bionade nur in einigen In-Cafés, in den Strandbars, kühlen Lounges, einer Hand voll Clubs und in kleinen Bioläden. Das war vor ein, zwei Jahren. Da war die Brause noch so eine Art Geheimtipp. Wie sie schmeckte, musste so mancher Kellner seinen Gästen noch erklären: ähnlich wie normale Limonade, aber lange nicht so süß, eher herb und fruchtig, das Ganze in vier Sorten: Holunder, Ingwer-Orange, Litschi und Kräuter. Mittlerweile kann man Bionade in Berlin an jeder Ecke kriegen: in vielen Kneipen und Bars sowieso, aber auch im Supermarkt, in der Schulcafeteria, in Kantinen und im Mini-Spätkauf nebenan. Bionade ist vom Szene- und Ökogetränk zur Massenlimo geworden.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Die ersten Versuche mit seinen Bakterien macht Dieter Leipold schon Ende der 80er Jahre. 1995 kommt Bionade auf den Markt – und kein Hahn kräht danach. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Die Geschichte beginnt in Ostheim vor der Rhön, einem 3700-Einwohner-Nest irgendwo im hügeligen Dreiländereck zwischen Hessen, Bayern und Thüringen, umgeben von Wiesen, Wäldern und gelb leuchtenden Rapsfeldern. Ein kleines Städtchen, bisher vor allem bekannt für seine historische Kirchenburg. Ein bisschen Fremdenverkehr gibt es auch. „Aber die meisten Touristen fahren zum Wandern wohl eher in die Rhön als vor die Rhön“, sagt ein Ostheimer. Seit vier Generationen ist die Kleinstadt außerdem Sitz der Privatbrauerei Peter. Und die gerät, ebenso wie viele andere kleine Familienbetriebe im Biergeschäft, Mitte der 80er Jahre in eine heftige Krise. Der Bierkonsum der Deutschen sinkt stetig. Die deutschlandweit erfolgreichen Marken wie Becks oder Krombacher graben den Kleinen noch mehr Wasser ab.

Da hat Braumeister Leipold eine Idee: Er will eine Limonade aus natürlichen Rohstoffen brauen. Eine Brause also, die nicht wie herkömmliche alkoholfreie Erfrischungsgetränke zusammengemischt wird, sondern die durch Fermentation entsteht. Denn wenn es für Erwachsene natürlich hergestellte Getränke wie Wein und Bier gibt, wieso sollten dann gerade Kinder mit verzuckerten Limonaden voller künstlicher Aromen, Farb- und Konservierungsstoffe abgefüllt werden?

„Wir wollten ein Getränk schaffen, das ähnlich wie Bier nach einem Reinheitsgebot hergestellt ist“, erzählt Leipold. Er sitzt auf einem dunkelgrünen Ledersofa im Wohnzimmer über der Brauerei, weißhaarig, und raucht Zigaretten ohne Filter. Als er damals einen asiatischen Kombucha-Pilz geschenkt bekommt, gelingt es ihm, daraus Bakterien zu isolieren, die den Malzzucker nicht wie beim Bier in Alkohol umwandeln, sondern in Gluconsäure. Sie wird die Basis der Bionade. Die milde Säure kommt sonst in Honig vor und verstärkt die Süßkraft, so dass Bionade im Vergleich zu anderen Limonaden nur wenig Zucker enthält. Dazu kommen Calcium und Magnesium, Kohlensäure und natürliche Frucht- oder Kräuteressenzen. Leipold gelingt tatsächlich, woran außer ihm und seiner Familie fast niemand geglaubt hatte: Er braut eine Limonade, rein biologisch, durch Fermentation von Wasser und Malz.

Alles in allem hat die Entwicklung acht ganze Jahre gedauert und jede Menge Nerven gekostet. „Am Anfang standen die Kolben ja noch überall im Wohnzimmer und im Bad, dann erst habe ich mir das Labor neben dem Schlafzimmer eingerichtet.“ Besonders schwierig sei es gewesen, vom kleinen Maßstab auf den großtechnischen Bereich zu wechseln. „Auch der Geschmack war nicht gleich optimal“, sagt Leipold. Probieren musste das alles seine Frau, die Brauereibesitzerin Sigrid Peter-Leipold. Sie habe ihn aber trotzdem ermutigt.

Am Ende, als 1995 die erste Flasche Bionade aus der Abfüllanlage läuft, hat die Entwicklung des neuen Getränks drei Millionen Mark verschlungen. „Eine absurde Situation“, sagt Geschäftsführer Kowalsky, Sigrid Peter-Leipolds Sohn aus erster Ehe. „Wir wollten das Produkt auf den Markt bringen, hatten aber überhaupt kein Geld für Werbung.“ Kowalsky, 38, setzte sich zusammen mit Braumeister Leipold in den alten Familienbenz. Mit einer Kiste Bionade im Kofferraum klapperten sie Hotels und Kneipen in der Umgebung ab. „Fürchterlich und deprimierend“ sei das gewesen, sagt auch Leipold. „Wenn’s einer saufen will, meinetwegen, i trink’s net“ – die Sprüche der alten Biertrinker hat er heute noch im Ohr. „Dabei dachten wir, die reißen uns das Zeug aus den Händen.“

Drei von insgesamt 24 Ostheimer Gaststätten setzen Bionade probeweise auf die Karte. Deutschlandweit läuft es nicht besser, niemand will eine Vertriebslizenz kaufen. Nur ein Hamburger Großhändler, Göttsche Getränke, glaubt an das Produkt. Er nimmt Bionade 1997 in sein Sortiment auf. „Da war der Bio-Trend gerade im Wachsen“, erinnert sich der Geschäftsführer Peter Jacoby, „und es war klar, dass für so ein Produkt in Hamburg das richtige Publikum sitzt.“

Die ersten Bionade-Abnehmer sind Fitnessstudios, es folgen ein paar In-Lokale. Kein Bier, aber trotzdem ein Getränk in der Glasflasche – das komme vor allem in der Szenegastronomie gut an. „Dabei ging es uns damals nur darum, es so einfach zu machen wie möglich. Wir haben für die Bionade das genommen, was es in Brauereien eben so gibt: Glasflaschen, Bierkisten und Kronkorken“, erinnert sich Peter Kowalski. Von der Wirkung einer klassischen Bierflasche in Zeiten des Retro-Wahns hat er erst später erfahren.

Der Hamburger Getränkehändler jedenfalls lag richtig mit seinem Gefühl: Die Bionade etabliert sich in der Hansestadt. Langsam zwar, aber stetig. Von Mal zu Mal schaukeln mehr Kisten über die Rhöner Landstraßen in den Norden. Das, was die Ostheimer so skeptisch gegenüber der Bio-Brause macht, ist dort ihr großer Bonus: Wer sie trinkt, gilt als Individualist. „In Hamburg wohnen Leute, die davon leben, Neues zu entdecken, wie Werber und Journalisten“, sagt Kowalsky, „dabei wollten wir mit Bionade eigentlich nie ein Szenegetränk schaffen, das sollte einfach eine gesunde Limo für alle sein.“

Kowalsky und sein Stiefvater Leipold wollen in der Bionade bis heute kein Modegetränk sehen. „Sie ist so erfolgreich, weil da eine Idee dahintersteht, weil sie eine Seele hat. Da steckt richtig Hirnschmalz drin“, sagt Kowalsky. Wegen Nachahmerprodukten – Öko-Limonaden, die jetzt auf den Bionade-Zug aufspringen wollten – mache er sich deshalb gar keine Sorgen. „Die meinen es nicht ehrlich.“ Und Leipold sagt: „Instinktiv spürt der Mensch, dass Bionade ein gesundes Getränk ist.“ Klingt wie der fromme Wunsch des Schöpfers. Aber vielleicht könnte trotzdem was dran sein? „Die Leute wollen sich mit der Bionade ein Stück Natur in den Großstadtalltag holen“, glaubt sein Stiefsohn Kowalsky. Sie haben dafür ihre Gründe.

Der Bionade-Boom beginnt in der Zeit der großen Lebensmittelskandale, BSE 2000, Acrylamid 2002, Gammelfleisch 2005, die Diskussion um dicke Kinder, die nur Fastfood und Zuckerlimo kennen. Bionade ist plötzlich das Getränk, das perfekt in den ernährungsbewussten Zeitgeist passt.

2003 berichten kurz hintereinander die Wirtschaftsblätter „Brand Eins“ und „Manager Magazin“ über die kleine Brauerei aus der Rhön. „Das war der Ritterschlag“, sagt Kowalsky, „plötzlich waren wir kein Familienbetrieb mehr, sondern eine richtige Firma.“ Er kopiert die Artikel und schickt sie an Großhändler. Es wirkt: Von 2003 bis 2005 steigern sie die Produktion in Ostheim um das Elffache. Plötzlich rufen auch die an, die noch vor zehn Jahren keine Lizenz wollten, und nicht nur die. „Die großen Konzerne wollten uns alle kaufen, aber jetzt geben wir die Sache nicht mehr aus der Hand“, sagt Kowalsky, in seiner Stimme schwingt Genugtuung mit.

Ein Anruf im Jahr 2004, von Coca-Cola: Ob man sich vorstellen könne, dass der Konzern in den Vertrieb einsteige? Der Familienrat lässt sich mit der Entscheidung eine Woche Zeit. Am Ende schlagen sie zu. „Das war richtig so“, sagt Kowalsky heute. „Wir haben dabei nicht unsere Seele verkauft.“ Die Zusammenarbeit habe das Produkt unglaublich aufgewertet. Denn Verkauf und Logistik, das könne nun mal keiner besser als der Gigant. Coca-Cola ist überall, sie steht im Supermarkt genauso wie im Döner-Imbiss. Ein riesiges Netz von Verkaufsstellen – mit einem Schlag ist Bionade in jedem Winkel der Republik zu haben.

Paradox, aber wahr: Dank Coca-Cola ist die Bionade-Welle aus den Großstädten zurückgeschwappt nach Ostheim in ihre Rhöner Heimat. In der „Linde“, im „Ratskeller“, im „Deutschen Haus“ steht sie jetzt auf der Karte – und wird auch getrunken. Die Gegend hat auch was davon. Seit letztem Jahr sind in der Bionade GmbH und der Privatbrauerei Peter über 30 Arbeitsplätze entstanden. Einige Landwirte in der Gegend sind gerade dabei, auf Öko umzusatteln, weil Kowalsky ihnen Holunder und Gerste abnehmen will. Auch mit dem Bier läuft es plötzlich wieder besser.

Die Firma hat es ins Konzept integriert. Seit ein paar Wochen gibt es Gelbe Lilli und Rote Holle. Das ist Litschi- oder Holunderbionade mit Bier gemischt. Einprägsamer Name, Glasflasche, hübsches Etikett, Bio-Siegel – das sind die bewährten Erfolgszutaten. Kowalsky könnte diesmal Recht haben, wenn er sagt: „Das wird der Renner!“

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