Zeitung Heute : Des Teufels Dirigent

Hellmuth Karasek

Einmal, ein einziges Mal wird mit filmischen Mitteln erzählt und nicht mit filmischen Klischees. Das ist schon im Abspann und geschieht bezeichnenderweise mit einem Wochenschau-Dokument. Wilhelm Furtwängler verneigt sich nach einem Konzert, wahrscheinlich mit Beethovens "Neunter"; in der ersten Reihe unter den applaudierenden Nazi-Größen Goebbels mit dem Deutsche-Musik-das-macht-uns-keiner-nach!-Gesicht. Er steht auf und schüttelt dem Dirigenten anerkennend die Hand.

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Und dann sieht man, wie sich der Dirigent die Hände mit einem weißen Taschentuch abwischt. Schwitzt er? Will er sich vom schmutzigen, ja blutigen Händedruck des Propaganda-Ministers schnell befreien? Jedenfalls erzählt hier ein Bild, vieldeutig, rätselhaft, die Fantasie des Zuschauers einladend, statt sie effektvoll niederzuknüppeln.

István Szabós "Taking Sides - Der Fall Furtwängler" erzählt von den Verstrickungen der Kunst mit der Macht, ein Thema, das der ungarische Regisseur, der während des Noch-Stalinismus seine ersten Filme drehte, am eigenen Leib erfahren hat. Und das er mit "Mephisto", dem Fall Gründgens, schon einmal mit schillernder Bravour bewältigte.

Jetzt also der Fall Furtwängler. Der ist noch faszinierender, weil Furtwängler, der sich in der Universal-Sprache der Musik ausdrückte, leichter als Gründgens hätte emigrieren können. Und zum Andern, weil die deutsche Musik von den Nazis als Propagandainstrument in den Dienst genommen wurde: Furtwängler war ihr glänzendstes Aushängeschild. Wie Gründgens stand er den Nazis fern und nutzte seine Stellung, um Juden zu retten. Mehr als Gründgens verlieh er dem Verbrecherstaat die höchsten kulturellen Weihen.

Recht des Genies, verständliche Schwäche des Patrioten, der ohne seine Wurzeln heimatlos geworden wäre? Oder gar Dienst an seinem unterdrückten Volk, Trost in den Grauen des Untergangs?

Szabós Film, der auf einem erfolgreichen effekthascherischen Thesen-Theater-Stück beruht und ein Duell des amerikanischen Vernehmungsoffiziers (Harvey Keitel) mit dem gebrechlich unbeugsamen Furtwängler (Stellan Skarsgard) zeigt, macht daraus wirksames, aber leeres Dialog-Gefechtstheater. Keitel ist moralisch entrüstet und künstlerisch stumpf, Furtwängler betroffen und der Musik verfallen, Moritz Bleibtreu als jüdischer Heimkehrer und Birgit Minichmayr als Widerstands-Deutsche sind menschlich bewegt und gerührt.

Bebildert wird dieser Wortaustausch mit dem Üblichen. Die Jungen tanzen oder fahren nach den Verhören mit dem Tandem ins Grüne, die Alten saufen, die Russen mehr als die Amis. Dazu Schwarzmarkt-Bilder, Ruinen, Doku-Aufnahmen, Glenn Miller-Musik - und natürlich Beethoven.

Diese Bilder und O-Töne sind längst zum Klischee verhackstückt und man reagiert auf sie, als wäre es ein Spiel in der zweiten moralischen Bundesliga.

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