Zeitung Heute : Des Widerspenstigen Lähmung

Als Katholik beim protestantischen Abendmahl: Ein Pfarrer bekommt Ärger

Heinz Höfl[Grosshabersdorf]

Schon seit Tagen mochte er nichts mehr sagen, denn ihm lagen „die Nerven ziemlich blank“. Am liebsten wollte er untertauchen, „irgendwohin verschwinden“. Aber am Pfingstsonntag, dem Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes, ist der katholische Pfarrer Bernhard Kroll dann doch wieder inmitten seiner Gemeinde in Großhabersdorf. Er geht die Menschenkette entlang, die seine Anhänger zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche gebildet haben, nimmt am Gottesdienst teil und empfängt die Kommunion.

Seinen angestammten Platz allerdings, den erhöhten Altarraum in seiner kleinen Kirche, den hat er räumen müssen. Er sitzt auf den harten Bänken des Kirchenvolks, in unauffälligem Zivil mit roter Krawatte. Nicht mehr Hirte, sondern Schaf.

Mit seiner Teilnahme an einem evangelischen Abendmahl während des Ökumenischen Kirchentags in Berlin hatte sich der 41-jährige katholische Geistliche eine nach Kirchenrecht unerlaubte „Grenzüberschreitung“ geleistet. So sagte es jedenfalls Johann Limbacher, der Generalvikar des Bistums Eichstätt am Freitag vor Pfingsten. Eine öffentliche Anhörung vor der Kirchengemeinde war da in Großhabersdorf anberaumt worden. Denn Bischof Walter Mixa hatte eine „vorläufige Suspendierung“ des Widerspenstigen verfügt – „die mildeste und versöhnlichste Lösung“, findet Limbacher.

„Ich wusste nicht“, sagte der gemaßregelte Pfarrer Kroll bei der Anhörung, „dass solche Strafmaßnahmen auf mich zukommen“. Vielleicht unterschätzte er aber auch das Ausmaß an Solidarität, das ihm seine kleine Gemeinde entgegenbrachte. Leidenschaftlich lobte sie den „pastoralen Ungehorsam“ ihres Hirten, er solle jetzt „nur nicht klein beigeben“. Manch einer rügte die „katholische Funktionsträger-Hierarchie“, die noch immer „die Keule der katholischen Amtskirche“ schwinge. Andere wiederum genossen die Affäre ganz unverhohlen – „endlich mal Bewegung in der Ökumene“. Und eine Stimme plädierte gar für eine Unterschriftenaktion wie einst bei der Debatte um die Abtreibung: „Auch ich habe …“

Und dann kam der Auftritt des Monsignore Stephan Killermann, des strengen Kirchenrechtsexperten der Diözese: Die „sehr milde Form der Sühne – keine Strafversetzung, keine Beugestrafe“ solle doch nur helfen, dass der verirrte Geistliche wieder „zur Besinnung kommt“. Da schlug ihm lautes Gelächter der versammelten Gläubigen entgegen, und eine Frauenstimme rief: „Ich schäme mich, in einer Kirche zu sein, in der Strafen verhängt werden wie im Mittelalter.“

Die alten Zeiten sind ohnehin noch ziemlich gegenwärtig in dem malerischen Frankendorf mit seinen 4000 Einwohnern. Die spitzgiebeligen Fachwerkhäuser, die Wirtshäuser „Zum Roten Ross“ oder „Zum Gelben Löwen“ wirken noch heute wie Vorlagen für den Nürnberger Meister Albrecht Dürer. Und jedem Schulkind sind der Dreißigjährige Krieg und die Schlachten zwischen der protestantischen „Union“ mit dem Schwedenkönig Gustav Adolf und der katholischen „Liga“ mit den Feldherren Wallenstein und Tilly geläufig. Albrecht von Wallensteins Lager war nämlich im nahen Zirndorf, und Großhabersdorf zwischen allen Fronten wurde damals dem Erdboden gleichgemacht.

Nach dem langen Krieg und dem Westfälischen Frieden war Großhabersdorf rein evangelisch-lutherisch, und die gotische Wehrkirche aus dem 14. Jahrhundert gehörte nun ganz allein den Protestanten. Katholiken kamen erst wieder mit den Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg hierher. 1952 bauten sich die neuen Bürger aus Schlesien und dem Sudetenland ein eigenes Gotteshaus und weihten es wie die alte Kirche der Protestanten der heiligen Walburga, die bei Augenleiden helfen soll. Noch heute ist nur rund ein Sechstel der Bevölkerung katholisch – auf einen Quadratkilometer, so hat Pfarrer Kroll ausgerechnet, kommen nur 16 Katholiken.

Den nördlichen Zipfel des stramm konservativen Bistums Eichstätt, räumt Pressesprecher Martin Swientek im Ordinariat ein, „kann man als Diaspora bezeichnen“. Deshalb sei auch „die Ökumene dort wichtiger als anderswo“. Doch „eine bunte Vermischung und Vermengung“ sei schon deshalb nicht sinnvoll, weil ja sonst das bekannte königliche Preußen-Prinzip, wonach jeder nach seiner Fasson selig werden solle, völlig ins Leere laufe. Konservative als Garanten für religiöses Vielerlei? So kann man das also auch sehen.

Und von den zwei Kirchen mal abgesehen, sehen die Großhabersdorfer das mit der Vielfalt ja ganz ähnlich. Sie leisten sich immerhin auch zwei Banken, ein Dutzend Wirtshäuser und 80 Vereine bis hin zum Kanonenschützenverein „Mit Pulverdampf und Böllerknall“. Und dem Wirt vom „Roten Ross“, in dessen Räumen am Tag der oberhirtlichen Anhörung unberührt von der Affäre Kroll der Gesangsverein übte und eine Schafkopfrunde beeinander saß, sind es immer noch zu wenige: „Früher hatten wir 100 Vereine“ – also einen auf 40 Einwohner.

Wie bei den Kanonenschützen wird wohl auch in der Kirche nach dem Böllern wieder Harmonie einkehren. Bei der Anhörung zwei Tage vor Pfingsten fing es damit nämlich schon an. Die Pfarrgemeinderatsvorsitzende Jutta Müller stand fest neben und hinter ihrem Pfarrer: „Wir wollen, dass er bei uns bleibt.“ Und darauf sagte Generalvikar Limbacher großmütig: „Er ist und bleibt Pfarrer.“ Es könne sich nur „um einige Wochen handeln“, versprach auch der gestrenge Dompropst Killermann und fügte schnell noch hinzu, „aber auch länger“. Eine temporäre Lähmung des Gemeindelebens also - weiter nichts. Dann fassten sich alle an den Händen und beteten gemeinsam das Vaterunser.

Ja, sogar beim langjährigen Organisten und Kirchenchorleiter Günter Greb kühlte sich der Zorn ein wenig ab. Am Pfingstsonntag noch machte er seine Drohung wahr, als „Zeichen der Solidarität“ mit dem Gemaßregelten Orgel und Chor schweigen zu lassen. Am Pfingstmontag konnte er aus privaten Gründen ohnehin nicht. Aber am nächsten Sonntag will er unter dem Ersatzpfarrer Dirk Postmeyer dann doch „zur Normalität zurückkehren“. Und so sieht es also ganz danach aus, als würde es im altfränkischen Großhabersdorf bald wieder so sein, wie es vordem und vielleicht schon immer war.

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