Zeitung Heute : Designer bemühen sich nachhaltig um neue Mode Hersteller setzen auf fair produzierte Bio-Kleidung

Heike Dettmar

Die Modebranche entdeckt ihr soziales Gewissen. Fair produzierte und umweltfreundliche Kleidungsstücke erobern weltweit Laufstege und Läden – in London, Paris ebenso wie in Berlin. Vorbei die Zeiten, da Ökomode gleichbedeutend mit Schlabberlook und Batiktuch war. Modisches Design und soziales Gewissen lassen sich verbinden.

Einer der Vorreiter der neuen fair fashion ist mit American Apparel ausgerechnet der größte T-Shirt-Hersteller in den USA. Statt für einen Hungerlohn in Dritte-Welt-Sweat-Shops produzieren zu lassen, beschäftigt der Gründer Dov Charney seine rund 5000 Mitarbeiter in Kalifornien. Stolz ziert jedes Etikett der Hinweis: made in Downtown L.A.

Um die zwölf Dollar die Stunde zahlt Charney pro Arbeitstunde. Doch das lohnt sich: Die Marke hat mittlerweile geradezu Kultstatus bei der jungen urbanen Zielgruppe. Wer zeigen will, dass er dazu gehört, schlingt sich einen der schmalen, knallfarbenen American Apparel-Schals um den Hals.

Innerhalb weniger Jahre eröffnete American Apparel über 150 Flagship-Stores weltweit, fünf neue Läden kommen pro Monat dazu. In Berlin gibt es mittlerweile drei Filialen. Das Haupthaus steht in der Münzstraße, in guter Umgebung von Paul Frank, Diesel und Gas. Zunächst fällt die regenbogenbunte Farbpalette der angebotenen Kleidung ins Auge. Der zweite Blick zeigt: Fast alles – von den Trägershorts bis zu den Kleidern – ist aus Sweatshirtstoff aus weicher Jersey-Baumwolle geschneidert. Seine amerikanische Herkunft versucht der Laden gar nicht erst zu verschweigen: von den Artikelbezeichnungen bis hin zu den Hinweisschildern – ohne Englischkenntnisse läuft hier nichts.

Doch so sehr man sich auch umschaut, eins wird man nicht finden: Logos. Allerdings ist Charney selber mittlerweile Markenzeichen und Berühmtheit genug. Die 70er-Jahre-Brille, Koteletten und Schnurrbart brachten Charney den Namen „Larry Flint der Textilbranche“ ein. Kolportiert wird, dass er gerne auch mal vor Reportern seine Hose herunterlässt, um zu beweisen, dass auch er seine fair produzierten Slips auch wirklich trägt.

Der verantwortungsbewusste Konsument zieht seine Kreise immer größer. Nach Bio-Food erreicht der Trend zum „Besser Leben“ nun auch die Kleidung. Auch die Düsseldorfer Textilhandelkette C&A will mit Produkten aus Bio-Baumwolle zum Trendsetter werden. Fabriken mit überprüften Sozialstandards weben zu Mindestanforderungen für immer mehr junge Marken, die Trendmode mit Moral zu erschwinglichen Preisen schneidern. Durchaus erfolgreich, wie Labels wie Red, Misericordia oder die holländische Jeansmarke Kuyichi zeigen.

Wer bereit ist, tief in die Tasche zu greifen, kann sich auch mit fair fashion mit echtem Promi-Faktor schmücken. U2-Sänger Bono gründete mit seiner Frau Ali Hewson und dem New Yorker Designer Rogan Gregory das Label Edun (rückwärts gelesen nude: nude – nackt). Für ein lässiges Top aus der Kollektion kann man ruhigen Gewissens locker mal 140 Euro hinlegen. Dafür wird ausschließlich unter fairen Arbeitsbedingungen in Afrika produziert, die Baumwolle ist ökologisch angebaut.

Auch der neue, moralische Kunde selbst kann sich mittlerweile mit einem passenden Label schmücken. Trendforscher nennen die Ökos von heute „LOHAs“. Das sind Menschen, die sich dem „Lifestyle of Health and Sustainability“, dem Lebensstil von Gesundheit und Nachhaltigkeit, verschrieben haben. Sie sind konsumfreudig und für ethisch und ökologisch korrekte Marken zu haben – aber die Produkte müssen auch dem Geschmack stilorientierter Großstädter entsprechen. Denn erst kommt das Design - das gute Gewissen gibt`s dann gratis dazu. Heike Dettmar

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