DESIGN„Strahlend grau – Herbert Hirche zum 100. Geburtstag“ : Magie des Maßhaltens

Die Einfachheit stieg in den zwanziger Jahren zu einem Fetisch der Avantgarde auf. Mies van der Rohes Credo „Weniger ist mehr“ wurde zum Schlachtruf einer Bewegung, die sich gegen das überladene Stilgemisch der Vorgängergeneration wandte. Das Bauhaus machte gewissermaßen Tabula rasa und wollte mit der strengen Kargheit seiner Bauten, Bilder und Möbel noch einmal ganz von vorne anfangen. Mit der großen Bauhaus-Retrospektive im Gropius-Bau wurde im letzten Jahr das Vermächtnis der in Weimar gegründeten Reformschule umfassend gewürdigt. Nun rückt der Beitrag, den einige Bauhaus-Schüler nach dem Krieg mit ihrem Werk für die Moderne leisteten, immer mehr in den Vordergrund.

Herbert Hirche, der vor hundert Jahren, am 20. Mai 1910 in Görlitz geboren wurde und 2002 in Heidelberg starb, hatte von 1930 bis 1933 am Bauhaus studiert. Nachdem die Nationalsozialisten die Schule schlossen, arbeitete er im Büro seines Bauhaus-Lehrers Ludwig Mies van der Rohe. Ab 1948 lehrte er Innenarchitektur und Möbelbau in Stuttgart. Mit seinen Entwürfen für die Firma Braun, darunter das legendäre Fernsehgerät HF 1, verband Hirche die Bauhaus-Ästhetik mit der beginnenden Massenproduktion von Konsumgütern im Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. „Lasst uns maßhalten!“, forderte er von den Menschen und von den Dingen. Seine Studenten schenkten ihm zum 52. Geburtstag einen Musterkoffer mit 45 Grauproben. Das war nur halb ironisch gemeint, denn Hirche gelang es mit seinem Design tatsächlich, die Farbe Grau zum Strahlen zu bringen. Einige seiner Möbel sind heute Klassiker. Christian Schröder

Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Fr 21.5. bis Mo 13.9., Fr-Mo 12-19 Uhr, 4 €, erm. 2 €

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