Zeitung Heute : Detektive der Medizin

Der Tagesspiegel

Medikamente – was dem einen hilft, schadet dem anderen. Beispiel Clozapin: das Mittel ist bei Psychosen sehr wirksam, doch nur bei weniger als einem Drittel der Patienten. Hoffnung auf Verbesserung dieser Situation macht die Molekularbiologie. Das Wissen um genetische Unterschiede könnte die „Kunst des Schneiderns“ von individuell passenden Arzneimitteln schon bald verbessern, sagt Ivar Roots, klinischer Pharmakologe an der Berliner Charité. Zum Nutzen nicht nur der Kranken, sondern auch der Arzneimittelhersteller.

Auf einer Veranstaltung, die der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie am Freitag in Zusammenarbeit mit der Charité organisiert hatte, wurde aber deutlich, wie dornenreich der Weg von der Datenflut des Humangenomprojekts zur gezielten, individuell wirksamen Therapie noch ist. Bei der Berliner Firma „InGene“ beschreitet man nun allerdings einen ungewöhnlichen Weg, um gezielter diejenigen genetischen Veränderungen herauszufiltern, die nur in besonderen Patientengruppen auftreten.

Ausgangspunkt sind aber nicht die Gene, sondern alle anderen Faktoren, die mit einer Krankheit in Zusammanhang stehen können: Blutdruck, Alter, Rauchen, Lebensstil . . . Die Informationen stammen aus kooperierenden Krankenhäusern und Arztpraxen und werden in eine riesige Datenbank zusammengefasst. Alle Patienten müssen dafür ihr Einverständnis erklären. Die Daten werden anonymisiert. Die Erfassung der Daten sprengt die Grenzen der medizinischen Fachgebiete: 2000 Faktoren stehen zur Erstellung der Profile zur Verfügung; bei diesen Profilen geht es darum, zu sehen, welche Faktoren häufig mit welchen anderen Faktoren und mit welchen Krankheiten zusammenhängen.

Dann übernehmen die Computer: Auf der Grundlage der Berechnungen werden Gruppierungen von Patienten erkennbar. Diese „Cluster“ gehören aufgrund ihrer identischen äußeren Faktoren zusammen. Erst wenn man sie gefunden hat, wird anhand der Blut- und Serumproben auch nach Genveränderungen gesucht, die alle Gruppenmitglieder aufweisen und die deshalb für die jeweilige Krankheit wichtig sein könnten. „Die Aufgabe besteht darin, in Milliarden von DNS-Bausteinen Veränderungen zu finden, die nur in der Gruppe der Kranken auftreten“, so der Molekularbiologe und Geschäftsführer Richard Grosse. Dafür braucht das ehrgeizige Projekt auch die Vernetzung mit den öffentlich zugänglichen Genom-Datenbanken.

Weil eine einzige genetische Veränderung ohne entsprechende Umweltbedingungen oft gar nicht zum Tragen kommt, aber auch, weil die Gene bei den meisten weit verbreiteten Krankheiten in komplizierter Art zusammenwirken, braucht man dafür die Daten großer Patientengruppen. Bis Ende 2002 sollen Datensätze von über 20 000 Patienten gesammelt werden. Erste Erfolge zeichnen sich, wie Grosse in der Charité andeutete, beim allergischen Asthma ab: „Einer der Krankheitstypen unterscheidet sich offensichtlich dadurch, dass er mit einer anderen entzündlichen Krankheit verbunden ist. Doch die kann ich jetzt noch nicht nennen!“ Das maßgeschneiderte Medikament, das daraus folgen könnte, liegt also in noch weiterer Ferne. Adelheid Müller-Lissner

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