Deutsch-amerikanische Beziehungen : "Die USA erfinden sich gerade neu"

Der Koordinator der Bundesregierung für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit spricht über seine Eindrücke vom Rennen um die Präsidentschaft in den USA.

Sie sind im Augenblick in Washington D.C. und beobachten den Vorwahlkampf bei Republikanern und Demokraten. Was sind Ihre Eindrücke, Herr Voigt?



Was mich außerordentlich beeindruckt, ist das Engagement, mit dem sich Hunderttausende von Amerikanern im Vorwahlkampf einsetzen. Die Zahl der Bürger, die mitmachen, ist wesentlich höher als bei früheren Vorwahlen, das gilt besonders auf der demokratischen Seite. Diejenigen, die von Haus zu Haus gehen, um Leute für ihren Kandidaten zu werben, sind der festen Überzeugung, dass sie mit ihrem Einsatz etwas verändern können. Die Leute haben das Gefühl, dass bei den Entscheidungen dieser Wochen Wichtiges auf dem Spiel steht. Als Beobachter habe ich den Eindruck, dass sich die Vereinigten Staaten in einem solchen Wahlkampf selbst erneuern und neu erfinden.

Das klingt nach Demokratie pur. Macht Sie diese Wählerdynamik als Deutscher neidisch?

Neidisch nicht, wir hatten ja gerade einen ähnlichen Fall in Hessen – wenn auch auf regionaler Ebene. In Hessen gab es auch eine Wechselstimmung und einen erstaunlichen Einsatz gerade junger Leute. Die Meinung jedoch, dass in den USA wegen der relativ geringen Wahlbeteiligung der ganze demokratische Prozess die Amerikaner kaltlässt, ist falsch.

Was sind die Themen, die die Gemüter der Amerikaner erhitzen?

Es gibt eine starke Wechselstimmung. Nach acht Jahren George W. Bush will die Mehrheit der Bevölkerung etwas anderes. Das Thema Irak ist zwar weiter wichtig, immer stärker in den Vordergrund rücken aber jetzt Wirtschaftsthemen. Der Immobilienmarkt ist in der Krise. Der Verfall der Hauspreise und die höheren Kreditzinsen treffen viele Leute. Die Unruhe an den Börsen ängstigt die Menschen, denn viele Renten und Pensionen sind finanziert über Investitionen von Versicherungsunternehmen im Aktienmarkt.

Der Super Tuesday ist auch ein riesiges Medienspektakel. Was stößt Sie ab an dieser Art Wahlkampf?

Die zunehmende Rolle, die Geld bei den Nominierungen der Kandidaten spielt. Jeder Kandidat muss eine Unmenge Geld sammeln. Und die Großspender – die Industrie, die Interessenverbände – spielen eine viel größere Rolle in der Politik als in Deutschland. Ich hätte nie in den USA kandidieren wollen. Seit ich mich in den 70er Jahren um einen Sitz im Bundestag bemüht habe, spielte die Frage, ob ich Geld sammeln kann, nie eine Rolle. Das war nie ausschlaggebend für mein Wahlergebnis. Und ich habe in meinen politischen Auffassungen und politischen Entscheidungen nie Rücksicht nehmen müssen auf irgendwelche große Spender.

Gibt es in den USA einen echten Austausch zwischen den Kandidaten und ihren Wählern an der Basis?

Bei dem direkten Kontakt mit den Wählern steht immer mehr die kalkulierte Wirkung auf die Medien im Vordergrund – und nicht der Kontakt selbst. Das hat in den USA sehr extreme Formen angenommen. Aber diese Mediatisierung macht sich auch bei uns breit – sie ist nicht nur ein amerikanisches Phänomen.

Mit Ihren frischen Eindrücken in den USA, wie schauen Sie auf die Zukunft des deutsch-amerikanischen Verhältnisses?

Meine Gespräche hier konzentrieren sich ausschließlich auf die Frage: Wie arbeiten wir als transatlantische Partner nach den Wahlen zusammen. Wir müssen den Amtsantritt einer neuen Administration für eine Verbesserung der transatlantischen Beziehungen nutzen.

Wo gibt es den größten Nachholbedarf?

Wir Deutschen haben immer noch große Schwierigkeiten, die globale Perspektive künftiger transatlantischer Zusammenarbeit wahrzunehmen und zu akzeptieren. Konkret müssen wir uns fragen: Was können beide Seiten beitragen zur Lösung globaler Fragen, vom Terrorismus bis zum Klimawandel. Und was können beide Seiten beitragen zur Lösung regionaler Krisen, zum Beispiel in Nahost und in Afghanistan.

Und wer macht Ihrer Meinung nach am Super Tuesday bei den Demokraten das Rennen, Clinton oder Obama?

Das beantworte ich nicht. Zu spekulieren gehört nicht zu meinem Job.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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