Zeitung Heute : Deutsch imbissen

Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Neuberliner bestellt eine Flasche Chabeso. Chabeso ist eine milchsäurehaltige Limonade, die wie eine Mischung aus Tonic Water, der Lieblingslimo von Königin Elizabeth II., und Sprite, der Lieblingslimo von Hunter S. Thompson, schmeckt. Chabeso wurde vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs von Dr. Büschler entwickelt und „führt dem Körper die ihm dringend notwendige Milchsäure in angenehmster, wohlschmeckendster Form zu“, so der Werbespruch aus der Kaiserzeit. Chabeso, die deutsche Coca-Cola, wurde in der Weimarer Republik zum Exportschlager und bis nach Ägypten exportiert. Die Farben des Etiketts sind wie bei der amerikanischen Vorbildlimo Rot-Weiß. Aber eben auch schwarz.

Das macht aber nichts. Die Limo schmeckt gut und erlebte schließlich ihre Blütezeit in der ersten deutschen Demokratie.

Der Neuberliner denkt, dass es ihm etwas peinlich ist, Retroprodukte zu lieben. Gerade hat er eine Rasierschale mit Rasierpinsel der Firma Füllpi von 1925 geschenkt bekommen (original verpackt) und sich außerordentlich gefreut. Es ist schon eine merkwürdige Zeit, in der der Neuberliner lebt, in der im Manufactum-Katalog eine Retro-Brotschneidemaschine für 510 Euro angeboten wird und reißenden Absatz findet.

Die Limo jedenfalls wurde vor einiger Zeit von einem Augsburger Brauhaus als Retro-Edition wieder auf den Mark gebracht und erfreut sich seitdem steigender Verkaufszahlen. Am liebsten genießt der Neuberliner seine Chabeso (mit Schraubverschluss) im namenlosen süddeutschen Imbiss in der Rochstraße. Bei Eingeweihten heißt er „Lebensmittler“ oder auch „Vereinigte Südfront“. Dort kann man zu fairen Preisen Öko-Lebensmittel kaufen und warme und kalte Speisen zu sich nehmen. Ein Frühstück mit Brot, Meerrettichbutter und dünnen Scheiben Schweinebraten plus Cappuccino empfiehlt sich sehr. Oder auch zum Mittagessen geräucherte Leberwurst mit Kraut.

Alle, die nicht in Neonazi-Lokale gehen wollen, um deutsch zu essen, schätzen den „Lebensmittler“. Heute aber will der Neuberliner lieber thailändisch essen, zahlt die deutsche Cola, läuft zwanzig Meter und ist in Bangkok.

Lebensmittler, Rochstraße 2, Mitte.

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