Zeitung Heute : Deutsch-israelische Beziehungen: Trauma, Sprachlosigkeit, Partnerschaft

Clemens Wergin

Nein, es war nicht einfach, nach der Vernichtung von sechs Millionen Juden durch die Nazis wieder diplomatische Beziehungen zu Deutschland aufzunehmen. Zu schwer wog die Abwehr gegen die Täter. Zu viele Israelis hatten Familienangehörige in der Shoa verloren. Zwar tauchte bald nach dem Krieg die Frage nach Entschädigungszahlungen für vernichtetes jüdisches Leben und zerstörtes jüdisches Eigentum auf. Doch die Regierung des 1948 gegründeten jüdischen Staates lehnte jeden Kontakt ab.

So formulierte Israel 1951 zum ersten Mal den Anspruch auf Wiedergutmachung gegenüber der Bundesrepublik Deutschland in zwei Noten an die Alliierten. Die erklärten aber, sie seien nicht bereit, als Vermittler tätig zu werden. Was also tun? Der jüdische Staat brauchte dringend Finanzhilfen, um die Massen an Einwanderern zu integrieren, um die Wirtschaft zu entwickeln und das Militär gegen die feindseligen arabischen Nachbarn zu stärken.

Konrad Adenauer auf der anderen Seite war sich der historischen Schuld bewusst. Zwar sah er Wiedergutmachungszahlungen gegenüber Israel als notwendigen Schritt zurück in die Gemeinschaft der Staaten an. Die Entschädigung war ihm aber auch ein moralisches Anliegen. So kam es im Mai 1951 unter strengster Geheimhaltung zu einem ersten Treffen zwischen dem Bundeskanzler, dem israelischen Botschafter in Paris und einem Abgesandten des Außenministeriums in Jerusalem. Der Beginn eines hürdenreichen Annäherungsprozesses.

Ende September 1951 gab Adenauer im Bundestag eine Erklärung ab: "Im Namen des deutschen Volkes sind ... unsagbare Verbrechen begangen worden, die zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung verpflichten." Als Partner von Verhandlungen nannte Adenauer "Vertreter des Judentums und des Staates Israel". Die offizielle Ouvertüre nach einem Austausch geheimer Noten und nach Geheimkontakten. Während es im Bundestag weit verbreitete Zustimmung zu Adenauers Vorhaben gab, hatte Israels Regierungschef in der Knesset eine hitzige Debatte darüber zu überstehen, ob man mit Deutschland überhaupt verhandeln dürfe. Doch schließlich erhielt David Ben Gurion den Auftrag, in Sachen finanzieller Entschädigungen mit Deutschland zu verhandeln.

Fast ein Jahr später konnten Israels Außenminister Moshe Sharett und Konrad Adenauer dann den Vertrag unterzeichnen: Ein erstes offizielles deutsch-israelisches Dokument. Peinlich für die Deutschen war aber die lange Zeit, die bis zur Ratifizierung im März 1953 durch den Bundestag verstrich: Die arabischen Staaten hatten begonnen, gegen das Abkommen zu intervenieren. Manche der Abgeordneten stimmten dann auch dagegen, über 70 enthielten sich, teils, weil ihnen die Entschädigungssumme zu hoch schien, teils weil sie die Araber nicht verärgern wollten. Doch die geschlossene Zustimmung der Sozialdemokraten sicherte Adenauer eine ausreichend hohe Mehrheit.

Was dann folgte, waren keineswegs normale diplomatische Beziehungen. Doch die im Vertrag vorgesehene "Israel-Mission", die die korrekte Behandlung der Ansprüche garantieren sollte, war schnell so etwas wie das Verbindungsbüro Israels in Deutschland geworden. Felix F. Shinnar, der erste Beauftragte Israels in der Bundesrepublik, schreibt dann in seinen Memoiren auch von "einer de facto Beziehung", die sich allein aus den notwendigen Kontakten des Büros zu den Behörden ergab.

Es war besonders die politische Isolation im Nahen Osten, die den Wunsch bestärkte, möglichst intensive diplomatische Beziehungen zu Europa zu entwickeln. So begrüßte die israelische Regierung eine Absichtserklärung des Außenministers Heinrich von Brentano, ein der Israel-Mission entsprechendes bundesdeutsches Büro in Israel zu eröffnen. Israel drängte immer offener darauf, mit der Bundesrepublik diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Erwartete aber, dass die Initiative dazu von Bonn ausgehen würde. Doch dort hatte sich der Wind inzwischen gedreht. Ein Ergebnis der Hallstein-Doktrin, die die Bundesrepublik mit dem Alleinvertretungsanspruch erpressbar machte. Immer offener drohten nämlich die arabischen Staaten damit, die Beziehungen zur Bundesrepublik abzubrechen und die DDR anzuerkennen, sollte Bonn diplomatische Beziehungen mit Israel aufnehmen. Die zunehmende strategische und wirtschaftliche Bedeutung der arabischen Staaten tat ein Übriges, um Adenauer zaghaft werden zu lassen. Zwar hatte er sich 1960 mit David Ben Gurion in New York getroffen, doch es gelang ihm nicht mehr, bis zu seinem Rücktritt die Beziehungen auf eine neue Ebene zu stellen.

Es war Ludwig Erhard, der im März 1965 öffentlich das Interesse bekundete, diplomatische Beziehungen mit Israel aufzunehmen. Vorausgegangen war ein Desaster der bundesdeutschen Nahostpolitik. Denn im Oktober des Vorjahres waren Berichte über geheime Waffenlieferungen Bonns an Israel an die Öffentlichkeit gelangt. Der empörte ägyptische Präsident Gamal Abdul Nasser drohte daraufhin mit der Anerkennung der DDR und lud Walter Ulbricht zum Staatsbesuch ein. Hektisch versuchte Erhard, das Schlimmste zu verhindern, suspendierte die vertraglich zugesicherten Lieferungen an den jüdischen Staat. Das empörte die Israelis, weil sie an ihrem sensibelsten Punkt getroffen wurden: der Sicherheit. Da nun nichts mehr zu flicken war, entschied Erhard sich, den Knoten zu durchschlagen und Israel diplomatische Beziehungen anzubieten. Am 12. Mai war es dann so weit: Die diplomatischen Beziehungen begannen durch den Austausch der Botschafter.

In der Folge entwickelten sich Beziehungen, die weiter durch die schwere Hypothek der Vergangenheit belastet wurden. Insbesondere Menachem Begin hatte seine Schwierigkeiten mit den Deutschen, die er noch zur Zeit der Besetzung Polens im Untergrund erlebt hatte. Dennoch gab es eine feste Basis: Die Bundesrepublik fühlte sich stets dem Existenzrecht Israels im Nahen Osten verpflichtet. Und Israel fand in dem neuen Partner einen freundschaftlichen Botschafter im entstehenden Europa.

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