Zeitung Heute : Deutsch lernen

Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Neuberliner treibt Dialektstudien. Er hat Nachholbedarf, was Dialekte angeht. Auch in seiner süddeutschen Heimat war er sprachlich nie ganz zu Hause. Vor langer Zeit, lange bevor der Neuberliner geboren wurde, sind seine Eltern aus Berlin nach Süddeutschland ausgewandert. Zu Hause wurde Hochdeutsch gesprochen, mit einer leichten Berliner Tönung. Er hat erst spät gelernt, dass es sich um Hochdeutsch mit einer leichten Berliner Tönung handelt, wenn er spricht.

Seine Berliner Freunde hören die Berliner Tönung natürlich nicht. Sie bemerken aber eine süddeutsche Tönung. Das hat den Neuberliner anfangs sehr verwirrt.

Den süddeutschen Dialekt musste er wie eine Fremdsprache lernen. Wenn er mit seinem besten Freund Angeln am Neckarstrand war, übte er beim Warten auf den großen Fisch kurpfälzische Konjugationen. Zum Beispiel das Verb „kommen“: isch kumm, du kummsch, er/sie kumme, mir kumme, ihr kummt, sie kumme. In einem vollständigen Satz geht das so: „Du kummsch sofott nunna!“ Auf Hochdeutsch: „Du kommst sofort herunter!“ Auf Berlinerisch: „Runtakomm’! Aba bisschen plötzlich!“

In der kurpfälzischen Hauptstadt musste man nur vom einen Ende der Stadt zum anderen fahren, und schon sprach man anders: Im Westen sagt man „Äma“, wenn man einen Eimer meint. Auf der anderen Seite der Stadt aber heißt es „Åma“, mit dem schwedischen „Å“, der Mischung aus „O“ und „A“. Vom einen Ende zum anderen ist es in Heidelberg ungefähr so weit wie vom Alexanderplatz zum Potsdamer Platz.

So etwas gibt es in Berlin nicht. Die Mauer war eine Sprachgrenze, aber die ist weg. Im Osten verwendet man andere Wörter, zum Beispiel „schau“ und „urst“ („toll“ und „sehr“). Aber das sind nur Unterschiede im Vokabular. Manche sagen in Berlin „nüscht“ und andere „nischt“. Woher das kommt, weiß man nicht.

Ab und zu bittet der Neuberliner seine Lebenspartnerin, Schwäbisch zu sprechen. Normalerweise spricht sie Hochdeutsch mit einer leicht schwäbischen Tönung. Aber wenn sie sich in den Finger schneidet, sagt sie „Ay!“ statt „Aua!“, weil ihr Vater ein Spanier ist.

Brigitte Grunert: Die Berliner Mundart. Ein Sprach(ver)führer. Berlin Edition, 128 Seiten, 9,80 Euro.

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