Zeitung Heute : Deutsch lernen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

M. aus Basel ist sauer. Er hatte sich beim Radio in Bern beworben. Tagelang feilte er an seiner Phonetik. Leider hat er den Job nicht gekriegt. „Sie sprechen zu gut Hochdeutsch“, hieß es. Bei Radio DRS sei ein gepflegter Schweizer Akzent Bedingung.

Vielleicht sollte M. auch nach Deutschland auswandern? Ich hatte hier noch nie das Problem, zu gut Hochdeutsch zu sprechen. Geschweige denn, zu schreiben.

Anfangs habe ich bei einem Heftli (Magazin) in München gearbeitet. In der Redaktion saßen lauter professionelle Jugendliche. Außer einem reiferen Herrn namens „Textchef“. Er war der Einzige, den man mit „Sie“ ansprechen musste. Eine Respektsperson.

„Schon wieder ein Helvetizismus!“, bemerkte er streng, wenn ich „Primarschule“ statt „Grundschule“ schrieb, oder „parkieren“ statt „parken“. Einmal habe ich mich gewehrt: „Es heißt ,Helvetismus’ – nicht ,Helvetizismus’!“ Da war der Textchef baff. Vielleicht ist „Helvetizismus“ ja ein Germanismus?

Textchefs haben eine ähnlich verantwortungsvolle Aufgabe wie Bundeskanzler, denn spätestens seit der Rechtschreibreform ist korrektes Deutsch nicht mehr nur für Basler Glückssache. Das Lehrbuch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ von Bastian Sick ist da Gold wert. Es ersetzt mindestens fünfzehn Semester Germanistik und viele Jahre bei einem Heftli.

Heißt es zum Beispiel die Pizze, die Pizzen oder die Pizzas; der, die oder das Nutella? Sick hat den Durchblick. Und noch ist der zweite Fall nicht endgültig verloren, weist er nach: An manchen Fronten hat der Genitiv den imperialistischen Dativ zurückdrängen können.

Was ich in dem Buch allerdings vermisse, ist eine Erklärung, warum die Berliner das Plusquamperfekt so lieben. „War geil jewesen!“, sagen sie. In Basel kennen wir keine solche Vorvergangenheit: „Isch geil gsi“, sagen wir in lupenreinem Perfekt. Vielleicht liegt das daran, dass wir moderner sind und nicht pausenlos in der Vorvergangenheit leben? Hier in Berlin „werden ja bald endgültig die Lichter ausgegangen sein“, musste ich mir neulich von Münchnern anhören. War überhaupt nicht geil gewesen!

Bastian Sick: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. 8,90 Euro.

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