Zeitung Heute : Deutsch-russische Beziehungen: Gezahlt wird später

Christoph Marschall

So viel Vergangenheit, so viel Zukunft - und die Gegenwart? Wenn man nach der Symbolik geht, die bei den diesjährigen Regierungskonsultationen entfaltet wird, müssen die deutsch-russischen Beziehungen in einem hervorragenden Zustand sein. Das gemeinsame Kriegsgedenken gleich nach Schröders Ankunft auf dem Piskarjow-Friedhof ist ganz auf Versöhnung ausgerichtet. Schröder schreitet durch die Monumentalanlage mit Gräberfeldern für eine halbe Million Menschen, Opfer der deutschen Belagerung von Leningrad, an den ewigen Flammen vorbei zur zwölf Meter hohen Bronzestatue der "Mutter Heimat", ordnet die Schleifen am Kranz. Erinnerungen an Kohl und Mitterrand im französischen Verdun werden wach, an Kohl und Mazowiecki im polnischen Kreisau.

Nachmittags dann die Zukunft: Kanzler und Präsident eröffnen den Petersburger Dialog der Zivilgesellschaften - nach dem Vorbild der deutsch-britischen Königswinter-Gespräche. Rasch haben die regierungsunabhängigen Vertreter aus Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft praktische Vorschläge parat: In den nächsten Jahren soll eine Russische Akademie in Berlin entstehen und in Moskau ein Deutsches Historisches Institut; den Austausch junger Wissenschaftler will man mit Stipendien fördern, und in die Regelung der Beutekunstfragen steigt man mit dem Austausch großer Ausstellungen ein. Nun, wer das alles finanzieren soll, ist noch nicht geklärt. Und aus manchen Arbeitsgruppen gibt es Klagen, die Russen hätten vorgefertigte Resolutionen mitgebracht. Aber immerhin, der Dialog der Zivilgesellschaften hat begonnen.

Der Ort verbindet Vergangenheit und Zukunft. Vor 300 Jahren hatte Peter der Große die Stadt als Fenster nach Europa gegründet. Von hier aus ist Russland mit Hilfe deutscher Beamter, wie Putin betont, modernisiert worden. Auch heute ist St. Petersburg, dieses "Venedig des Nordens", mit seinen herrschaftlichen Palästen an den Ufern des dichten Kanalnetzes, die Stadt mit der westlichsten Anmutung in Russland.

So eng und vertrauensvoll wie einst soll es künftig wieder zugehen, zumal jetzt ein Petersburger im Kreml herrscht: Wladmir Putin, den sie in der Ausbildung "den Deutschen" nannten. Wladimir zeigt Gerhard abends seine Stadt, speist mit ihm auf dem Restaurantschiff "Kronstadt" auf der Neva, danach trinken sie noch einen in Putins Lieblingskneipe "Tschaika" (Möwe), einer deutschen Bierstube. Ja, die beiden haben einen guten persönlichen Draht zueinander.

Prunkvolle Inszenierung

Und doch bleibt die Gegenwart bei diesen Regierungskonsultationen tief im Schatten der großen Vergangenheit und der lichten Zukunft. Auch der zweite Tag ist vollgestopft mit Terminen, die Erwartungen wecken, dass irgendetwas Greifbares herauskommen müsste: Morgens der Besuch im Joffe-Institut, der traditionsreichen Petersburger Abteilung der Akademie der Wissenschaften. Vor dem Mittagessen ein Gang durch die weltberühmte Gemäldegalerie Eremitage, in der auch viele Beutekunst-Exponate hängen, deren Rückgabe Deutschland verlangt. Und danach die Schlossanlage Zarskoje Selo, die einst für das Bernsteinzimmer im Katharinenpalast berühmt war - im Krieg ist dieser Kunstschatz verschollen, nun wird er mit deutscher Hilfe rekonstruiert.

So viel Historie, so viele Zukunftshoffnungen, so viel Symbolik der Nähe. Doch in der Pressekonferenz haben Putin und Schröder wenig Greifbares zu sagen - ob es um Schuldenrückzahlung geht, Kulturgüter oder die Wirtschaft, in der "Leuchtturm-Projekte" den Weg zu liberaler Kooperation öffnen sollen. So muss die Freude über zwei unterzeichnete Abkommen in die Breite und Länge gedehnt werden: das eine zur friedlichen Nutzung des Weltraums, das andere zur Fortsetzung (!) der Manager-Fortbildung.

Wann sollte man auch etwas schaffen. In dem an Auftritten so reichen Terminkalender dieser zwei Tage blieb gerade eine Stunde für das Arbeitstreffen - sieht man vom Abendessen ab, bei dem Schröder und Putin sowie die jeweiligen Fachminister auch Dienstliches besprochen haben könnten. Auch diese Sitzung ist prunkvoll inszeniert: im Raphaelsaal des Marienpalais mit viel Gold an den Türen und kleinen Liebesszenen im Renaissance-Stil an den hohen Wänden. Der deutsche Architekt Schtakenschneider hat es erbaut.

Oder war es womöglich andersherum: Für die Konsultationen wurde nur wenig Zeit eingeplant, weil absehbar war, dass es wenig Neues zu vermelden gibt? Die Strategietreffen der Staatssekretäre Finanzen, Wirtschaft, Äußeres unter Einschluss des Vorsitzenden des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, Klaus Mangold, seien in dem Jahr seit Putins Wahl zum Präsidenten "ein Lernprozess" gewesen, berichtet ein Insider. Nur langsam gewöhnten sich die Russen an das deutsche Tempo, in zwei, drei Stunden mehrere praktische Punkte abzuarbeiten. Wenn die Hindernisse für eine Investition identifiziert sind - Zölle, Bürokratie, Protektionismus - versprechen die Russen Abhilfe. Und müssen beim nächsten Treffen eingestehen, dass ein anderes Gremium das Veto gegen Verfahrensänderungen eingelegt hat. Da nimmt ein Beobachter Zuflucht zum Galgenhumor: Vielleicht braucht Russland nicht mehr Zivilgesellschaft, sondern erstmal mehr aufgeklärten Absolutismus.

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