Deutsche Bahn : Mehdorn muss bleiben

Es stößt bitter auf, dass sich wieder ein Manager über geltende Maßstäbe hinweggesetzt hat. Doch es gibt mildernde Aspekte: Die Bahn wollte gegen Korruption vorgehen. Das ist letztlich im Interesse der Steuerzahler. Wem würde Mehdorns Rücktritt eigentlich nützen?

Moritz Döbler

Wer die Worte "Mehdorn" und "Rücktritt" googelt, bekommt um die 60 000 Treffer, Tendenz steigend. Den Bahn-Chef mit starken Worten sonst wohin zu wünschen, ist populär, auch wenn die Anlässe wechseln. Seltsam nur: Immer öfter kommt das Ansinnen aus der Politik. Dabei ist es doch die Politik selbst, die den ungeliebten Manager jederzeit absetzen könnte. Stattdessen hat sie ihn nun schon mehr als neun Jahre an der Spitze des Staatskonzerns belassen.

Der leichtfertige Umgang mit Mitarbeiterdaten darf nicht klein geredet werden. Es dient auch nicht dem Betriebsfrieden, die Diskretion des Betriebsrats grundsätzlich in Abrede zu stellen und ihn deswegen nicht über heikle Themen zu informieren. Ein Unternehmensführer darf auch nicht zu Stasi-Methoden greifen, nur um herauszufinden, wer ihn bei den Steuerbehörden anschwärzt. Und wie häufig bei Mehdorn, ist sein Umgang mit den Vorwürfen alles andere als elegant. Dass sich wieder ein Manager über geltende Maßstäbe hinweggesetzt hat, stößt gerade in diesen Krisenzeiten bitter auf.

Die Rechtslage ist nicht eindeutig

Doch gibt es einige mildernde Aspekte. Da ist die erklärte Reue Mehdorns, auch wenn er eine echte Entschuldigung unterlässt. In einem zweiseitigen Brief an alle Mitarbeiter des Konzerns gibt er aber zu, man sei übereifrig gewesen und habe sich "einer falsch verstandenen Gründlichkeit" bedient. Für ihn spricht auch das erklärte Motiv: Die Bahn, einer der größten Auftraggeber der Baubranche, wollte gegen Korruption vorgehen. Das aber ist nicht nur im Sinne des Unternehmens, sondern letztlich im Interesse eines jeden Steuerzahlers. Die Methoden mögen anfechtbar gewesen sein, das Motiv ist es nicht.

Dazu kommt, dass die Rechtslage nicht eindeutig ist. Wenn der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar den Fall zum Anlass nimmt, ein eigenes Arbeitnehmer-Datenschutzgesetz zu fordern, dann fehlt es offensichtlich an klaren Rechtsnormen. Das belegt auch der Umstand, dass die Bahn mit ihrem Skandal nicht allein ist. Die Telekom, Lidl und wer weiß wie viele andere Arbeitgeber haben ebenfalls bei ihren Beschäftigten zu genau hingeschaut.

Wem nützt ein Rücktritt Mehdorns?

Abseits von Reue, Motiv und Rechtslage bleibt die Frage, wem eigentlich ein Rücktritt Mehdorns nützen würde - den Fahrgästen und den Beschäftigten sicher nicht. Denn so viel man an der Bahn auch aussetzen mag, Mehdorn hat aus dem antiquierten Moloch einen modernen Dienstleister gemacht. Dass aus dem angestrebten Börsengang nichts wurde, schmälert die Leistung nicht.

Die Bahn ist in ein kompliziertes Geflecht von Interessen verstrickt, von denen viele nichts mit der Beförderung von Personen oder Gütern zu tun haben. Der Ex-Politiker und Aufsichtsratschef Werner Müller zieht an manchen Strippen, an anderen zerren Berliner Strategen. Mehdorns Posten vor der nächsten Bundestagswahl neu zu vergeben, mag dabei ein taktisches Ziel sein. Solche Wirrungen sind nicht neu - erstaunlich ist allenfalls, dass Mehdorn noch im Amt ist.

Das Unbeugsame an ihm, seine Kompromisslosigkeit und Konsequenz, auch seine paternalistische Unternehmensführung begründen wohl seine Erfolge und fallen doch zugleich aus der Zeit. Solche Wirtschaftsführer werden selten, die Gesellschaft entwickelt sich weiter. In gut zwei Jahren, kurz vor seinem 69. Geburtstag, endet Mehdorns Vertrag. Sollte nicht mehr gegen ihn zu sagen sein, als heute bekannt ist, wäre es ein Fehler der Politik, diese Frist zu verkürzen.

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