Deutsche Einheit : Des Neuen Testament

Als er die Kirche in Mitte übernahm, bekam er einen Schreck: nur Wessis! Aber dann hat Pfarrer Scheel sich hineingeworfen und sie alle einbezogen, die Künstler, Partyleute und Neu-Berliner. Seine Gemeinde wuchs so schnell wie keine in der Stadt – doch den Alteingesessenen war das zu viel. Nun muss er gehen.

Verena Mayer
Sophienkirche
Pfarrer Scheel veränderte die Sophiengemeinde - deswegen muss er jetzt gehen. -Foto: Mike Wolff

Es ist nicht einfach, Pfarrer Scheel zu besuchen. Scheel wohnt in der Sophienstraße in Mitte, vor dem Haustor befindet sich ein Gitter. Es geht nur auf, wenn man darüber langt und an der Gegensprechanlage dahinter klingelt. Die meisten glauben jedoch, sie sind falsch und nehmen den Eingang um die Ecke. Dort ist man wirklich falsch, nämlich im Büro von Sasha Waltz.

Sasha Waltz ist eine der wichtigsten Choreographen Berlins, berühmt für modernen Tanz. Hartmut Scheel ist Pfarrer einer evangelischen Gemeinde. Das moderne Tanztheater ist etwas Neues, Wandelbares, die evangelische Kirche ist relativ alt und nicht so wandelbar. Zwei unterschiedlichere Welten kann es kaum geben, und das ist auch der Grund, warum Pfarrer Scheel gerade „die Seele bis zu den Kniekehlen hängt“, wie er sagt.

Denn Pfarrer Scheel hat versucht, die Welten zusammenzubringen. Die evangelische Kirche und die Leute, die in Mitte leben und Künstler sind oder Architekten oder Galeristen. Er war auf ihren Partys, hat sie in den Kirchenräumen Kunst machen lassen, hat sie getraut und ihre Kinder getauft. Doch jetzt, nach zehn Jahren als Pfarrer der Sophiengemeinde, soll Hartmut Scheel gehen. Der Superintendent des zuständigen Kirchenkreises fordert ihn auf, sich für eine andere Gemeinde zu bewerben. Teilen der Alten war es wohl zu viel des Neuen.

„Ich dachte immer, ich habe Narrenfreiheit und kann predigen, was ich will."

Hartmut Scheel, 55, dunkler Pulli, dunkle Hose von Hugo Boss, sitzt in seiner Dienstwohnung und zündet zum Interview eine Kerze an. Er spricht im warmen, wohl modulierten Tonfall des Predigers, alle paar Sätze fällt ein bekannter Name – „der ist auch in unserer Gemeinde“. Scheel kennt Professoren und Medienleute, und einmal stand bei einem Geburtstag auch der CDU-Politiker Günter Nooke, zeigte auf ihn und sagte: „Das ist mein Pfarrer.“ Scheel klingt nicht prahlerisch, wenn er so etwas erzählt, eher beiläufig, als sei ihm das neue Berlin vertraut wie eine Bibelstelle.

Er kommt aus der DDR, aus einer Pfarrersfamilie. In der Schule wurde er deswegen drangsaliert, nachgegeben hat er nicht, er war nicht bei den Pionieren und nicht bei der FDJ. Angst vor Repressalien hatte er nie, auch nicht später, als er selbst Pfarrer war. „Ich dachte immer, ich habe Narrenfreiheit und kann predigen, was ich will. Ich bin da eher der Typ Kopf-durch-die-Wand.“

Im Berlin der 80er Jahre stieß er zum Kreis rund um die Gethsemanekirche. Die offene Atmosphäre gefiel ihm, das Gefühl, es könnte sich etwas bewegen, aus dieser Zeit kennt er auch Angela Merkel. Seine erste eigene Gemeinde war Weißensee. Obwohl er unerfahren war, hatte man sich für ihn entschieden. Scheel war der einzige Bewerber, der sich nicht als Erstes die Dienstwohnung angesehen hatte.

Und dann der Schock: "Alles Wessis"

1998 kam er dann in die Sophiengemeinde. Zur Evangelischen Kirchengemeinde Sophien gehören vier Friedhöfe, drei Kirchen, drei Kindertagesstätten, ein Jugendkeller, eine Eine-Welt-Gruppe und ein Posaunenchor. Im Einzugsgebiet liegen aber auch die Kastanienallee, die Friedrichstraße und der Rosenthaler Platz, das Tacheles, die Hackeschen Höfe und die „Ständige Vertretung“, die kölschselige Rheinlandkneipe. Nirgendwo ist die Stadt so sehr Berlin-Reiseführer wie hier. Als Pfarrer Scheel bei seinem Amtsantritt in die Gemeindedatei guckte, kriegte er einen Schreck: „Alles Wessis.“ Auf der Straße hörte er Münchner und Schwaben, „ich sagte, man müsste die Gegend eigentlich in Schwabing umbenennen“. 2700 der 3000 Leute, die zu Scheels Pfarrbezirk gehören, sind zugezogen, wobei diese Zugezogenen inzwischen wieder andere sind als die nach dem Mauerfall, als die Hausbesetzer-Szene Mitte entdeckte und im Wohnungsamt die Devise „Künstler als Hausmeister“ ausgegeben wurde.

Detlef Schönrock weiß gut um die veränderten Bedingungen für einen Mitte-Pfarrer. Schönrock ist Feinwerkmechanikermeister und ehrenamtlich im Kreiskirchenrat, zum Gespräch ist er ins Barcomi’s gekommen, gegenüber der Sophienkirche, noch so ein Reiseführer-Ort. Er strahlt Bedächtigkeit aus. Im Streit um den Pfarrer steht er irgendwo in der Mitte, ein verständnisvoller Vermittler, aber er sagt auch: Wenn er heute das Abendmahl austeilt, stehen Hamburger, Stuttgarter, Lutheraner und Reformierte vor ihm. „Der eine will es in die Hand, der andere in den Mund, der dritte teilt es mit seinen Kindern. Daran merke ich, was für ein Schmelztiegel Mitte geworden ist.“

Pfarrer Scheel hatte sich mit Begeisterung in den Schmelztiegel geworfen. Er kaufte gelbe Rosen und besuchte die Leute an ihrem Geburtstag, oft acht an einem Tag. Er nannte es „Rosenaktion“. Scheel ist ein Tatkräftiger, er arbeitet effektiv, auch wenn dieses Wort in Kirchenkreisen irgendwie fremd wirkt. In der Wirtschaft würde man einen wie ihn „Macher“ nennen, die Medien nannten ihn den „Rosenpfarrer“. Pfarrer Scheel kam zu Festen und zum Katerfrühstück, manchmal war auch der Bürgermeister da, dann war es ein 100. Geburtstag. Meistens traf er aber auf Neu-Berliner, auf Ärzte, Architekten, Anwälte. Er bezog sie alle in die Gemeinde ein. Scheel, in seinem Wohnzimmer vor der Kerze, zitiert eine Bibelstelle, in der ein Herr seinen Knechten unterschiedliche Talente gibt, was seinerzeit Geld war, aber auch für Gaben, Begabung stehen könne, siehe Matthäus 25. „Ich will die Gaben, die Begabungen der einzelnen Mitglieder einbeziehen.“ Er überließ den Künstlern Räume, gründete ein Kulturbüro, das Teile der umstrittenen RAF-Ausstellung zeigte, er begeisterte sich für das Tanztheater von Sasha Waltz und taufte ihre Kinder.

Deutsch-deutsche Widersprüche

Für die Alteingesessenen, die schon vor der Wende hier waren, blieb da offenbar nicht viel Raum. Jedenfalls gab es Beschwerden über Pfarrer Scheel. Dass er die Pfarrer von früher nicht mehr predigen lassen wolle. Dass er Stimmung „gegen die ‚Alten’ in der Gemeinde macht, die aus seiner Sicht scheinbar gegen das ‚Neue’ von Herrn Scheel auftreten“, wie es 2006 in einem offenen Brief heißt. Einer seiner schärfsten Gegner ist Ludwig Krause, Stadtplaner im Ruhestand, auch ein Pfarrerssohn. Er hat noch die Sophienkirche erlebt, in der sich zu DDR-Zeiten Oppositionelle trafen und jene Leute sich austauschten, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Eine eingeschworene Gemeinde, die sich half und vertraute, einer der Pfarrer war der Schwager von Regine Hildebrandt. Krause spricht laut und mit sächsischem Einschlag. Über Pfarrer Scheel will er öffentlich nichts sagen. Nur so viel: „Vielen, die über 60 Jahre alt sind, macht es hier keinen Spaß mehr.“

Es gab Streit. Die Gemeinde rieb sich auf zwischen Neu und Alt, zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der Sehnsucht nach Beständigkeit; deutsch-deutsche Widersprüche, immer noch oder schon wieder, und um den seltsamen Dreh erweitert, dass da Menschen gegen einen angingen, der eine ähnliche Biografie hatte wie sie selbst. Da stand Pfarrer Scheel also mit seinem Querkopf und sollte allen Erwartungen gerecht werden. Das konnte nicht gut gehen. Vor eineinhalb Jahren schickte der Superintendent eine sogenannte Visitationskommission in die zerstrittene Gemeinde. Die kam zu dem Schluss, dass es um des lieben Friedens willen besser sei, wenn Scheel ginge.

Superintendent Lothar Wittkopf steht dazu. Manche Konflikte seien eben nur zu lösen, indem man sich trenne. Außerdem sei ein Wechsel mal ganz gut, „befristete Beauftragungen sind doch in der Arbeitswelt normal, das sollte bei uns in der Kirche auch so sein.“ Doch Pfarrer Scheel steht hier nun und kann nicht anders. Er sieht nicht ein, warum er sich in die Wüste schicken lassen soll. Jetzt sitzt er mit verschränkten Armen vor seiner Kerze, die Stirn gerunzelt. „Wir sind ein Schmelztiegel, ein Durchlauferhitzer. Kirche darf nicht nur für Alteingesessene sein, Kirche muss hinausgehen.“ Klaus Jacob, ein freundlicher Politologe mit Harry-Potter-Brille, kann dem nur zustimmen. Seit zehn Jahren ist er in der Gemeinde, und er habe stets das Gefühl gehabt, Pfarrer Scheel sei genau der richtige Mann am richtigen Ort gewesen, mit seiner „Kirche, die verrückte Sachen tut“. „Wir, die hierher gekommen sind, haben oft unstete Leben.“

Dann musste er gehen

Es ist Sonntagmorgen, Mitte ist ruhig wie ein heruntergefahrenes Notebook. In der Sophienkirche mit ihrem barocken Turm beginnt der Gottesdienst. Junge Leute füllen die Reihen, sie haben kunstvoll verwuschelte Frisuren und tragen die Mitte-typischen Umhängetaschen aus Lkw-Planen, selbst die Kinder. An diesem Sonntag werden Clara und Henriette getauft. Mitte-Menschen mögen unstete Leben haben, aber sie entdecken auch die Tradition wieder. In den vergangenen Jahren hat die Sophiengemeinde einen regelrechten Taufboom erlebt, 26 Taufen gab es im 1998, im Jahr 2006 waren es 109. Pfarrer Scheel hat es einmal das „Wunder von Sophien“ genannt.

Aber die, denen das Wunder von Sophien keinen Spaß machte, haben sich weiter beschwert und dem Pfarrer vorgeworfen, er habe die Gemeinde gespalten. Andere organisierten Solidaritätsfeste für Pfarrer Scheel. „Es gibt ganz große Fans und ganz große Gegner“, hat Eva-Maria Menard festgestellt, eine Kollegin von Scheel. Im April versammelte sich schließlich der Gemeindekirchenrat, um über den Pfarrer abzustimmen. Scheel hielt noch eine energische Rede, zu spät, die Gegner bekamen die Oberhand. Er wurde erst für drei Monate beurlaubt, dann ging er in Studienurlaub. Der ist nun zu Ende, und Scheel fragt sich, wo er hin soll.

Er hat nicht viel Auswahl, auch in der Kirche gibt es viele Bewerber für wenige freie Stellen. In Lübars, wo er sich beworben hat, wollten sie ihn nicht. Dann gäbe es noch eine Stelle in Duben, Niederlausitz. Als Seelsorger im Gefängnis.

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