Zeitung Heute : Deutsche Elefanten suchen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Alle 35 Jahre gehe ich in den Zoo. Ende der Sechziger sprang ich als Kind dort herum, in diesen Tagen gehe ich mit den Söhnen hin, und für den Sommer 2040 ist ein Besuch als Großmutter geplant. Zur Fachfrau entwickelt man sich auf diese Weise nicht. Geschöpfe wie den Weißbauchseeadler, die Langflügel-Dampfschiffente oder die Karibik-Nagelmanati erkenne ich nur, wenn sie sich unmittelbar hinter einer erläuternden Tafel platzieren. Nirgends ist die Schlüsselqualifikation Lesen, die der große Bruder noch nicht beherrscht, wichtiger als im Zoo. In seinen Augen bin ich Professorin der Zoologie.Vor kurzem waren wir zum ersten Mal im Tierpark Friedrichsfelde. Falls Sie einen Besuch dort planen, verschieben Sie ihn noch um ein paar Wochen. Nach den kalten Tagen ist der ganze Park, der im Sommer wunderschön sein muss, ein einziges braunes Gestrüpp. Außerdem hatte jemand ein Schlafmittel versprüht. Zwischen den kahlen Zweigen blinzelten träge die Mähnenwölfe und Trampeltiere hindurch, auf den Wegen wankten blasse, frühjahrsmüde Menschen. Auf einer Bank neben den indischen Hängeohrziegen ließ eine Gruppe Punks die Ohren hängen, denn sie waren, wie sie gähnend klagten, „det Loofen nich jewöhnt" und normalerweise „eijentlich motorisiert".

Auch wir waren sehr erschöpft. Das Baby schlief, der große Bruder hing über dem Kiddy-Board, und wir legten schwitzend Kilometer um Kilometer zurück, denn der Park ist groß und man will ja kein Tier verpassen. So begegneten wir etwa dem Sekretär, einem langbeinigen, sehr seriösen Vogel, dem man die Akten vom Vortag ohne Bedenken übergeben würde, und lachten über Weißgesichtsseidenäffchen, Blutbrustpaviane und Streifengrasmäuse. Der große Bruder saugte alle unsere abgelesenen Erklärungen auf und verwendet sie nun auf seine Weise. Seit unserem Tierparkbesuch ist ein Teddy für ihn „eine Unterart von Kuscheltier", an Ritterburgen entdeckt er „Zitzen" statt Zinnen, und zum Baby sagt er „du Wiederkäuer".

Natürlich zeigten wir unserem Sohn auch die Dickhäuter. „Der afrikanische Elefant hat zwei Greiffinger an der Rüsselspitze", dozierte der Kindsvater, der sonst nicht zum Dozieren neigt, aber Schilder lesen kann, „der asiatische dagegen hat nur einen ..." – „Und der deutsche?" fragte der große Bruder, patriotisch, wie wir ihn nun einmal erziehen. Nach ein paar Stunden zwischen Gnus und Tüpfelhyänen, auf der Suche nach deutschen Elefanten, waren wir matt wie Moschusochsen. Wie verwandt erschien mir plötzlich das zweifingrige Faultier, wie gern hätte ich mich zu den vietnamesischen Hängebauchschweinen gelegt! Auch bei uns hing alles runter, Jacken, Haare und Blutzuckerspiegel. Als wir gerade zusammen mit den Punks zum Ausgang krochen, interessierte sich der große Bruder noch einmal sehr intensiv für ein Tier. Dieses Geschöpf hatte sich frech einfach auf den Kinderwagen gesetzt und blickte uns aus schwarzen Augen verächtlich an. „Was ist denn das für ein Tier?", fragte das Kind. Diesmal konnte ich spontan Auskunft geben. „Eine Fliege!" rief ich stolz. Zu fünft schleppten wir uns durch den Ausgang und schliefen auf dem Parkplatz ein. Dorothee Nolte

Weiteres unter www.tierpark-berlin.de , Erwachsene zahlen acht, Kinder ab drei Jahren vier Euro.

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