Deutsche Gemütlichkeit zu Weihnachten : Briten lieben "German Markets"

Teilnehmerinnen der Miss Intercontinental Wahl posieren in Berlin auf dem Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt.
Teilnehmerinnen der Miss Intercontinental Wahl posieren in Berlin auf dem Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt.Foto: dpa

Schneeflöckchen, Weißröckchen, daha kommst du geschneit. Duhu wohnst in den Wolken, deihein Weg ist nicht weit. So schön! Noch zwei Wochen bis Heiligabend und schon die ersten Flocken über Berlin. Nur ihren feuchten Bruder Graupel, den wollen wir nicht. Der soll über den Ärmelkanal ziehen und auf Englands Moore nieseln statt auf unsere lauschigen Weihnachtsmärkte.

Aber Glühwein

Wenn die Briten sonst auch aus historisch völlig unverständlichen Gründen scheel auf alles sehen, was aus Deutschland kommt – den glühweindampfenden Budenzauber namens Weihnachtsmarkt, den lieben sie. Der ist ein Exportschlager deutscher Gemütlichkeit, ja der beste Kulturbotschafter einer bis tief in den Mandelkern kindlichen Nation. Seit einigen Jahren funktioniert das schon. Alkohol unter freiem Himmel! Mittelalterliches Marketendertum! Bläserchöre! Bratwurst! Zusammensein! Gemütlichkeit!

Lammfellpuschenbuden auf "German Markets"

In London, Leeds, Glasgow oder Birmingham, wo der größte deutsche Markt außerhalb Deutschlands stattfindet, drängeln sich hingerissene Menschen den ganzen Dezember lang durch Printen-, Holzspielzeug- und Lammfellpuschenbuden der „German Markets“. Und freitags besteigen sie den Flieger, um mit seligem Lächeln im Gesicht auf den Berliner Weihnachtsmärkten nach Lauschaer Glaskugeln und Pulsnitzer Lebkuchen zu suchen. Ganz im Geiste der Verse des unsterblichen Joseph von Eichendorff: „An den Fenstern haben Frauen / Buntes Spielzeug fromm geschmückt, / Tausend Kindlein stehn und schauen,/ sind so wunderstill beglückt.“

Genau das ist der Moment, in dem der Berliner in Mitleid entbrennt. Wenn die Touris nun schwer gebeutelt von den Linden-Baustellen am Alexanderplatz auf den „Wintertraum am Alexa“ geraten? Oder gar auf die „Weihnachtswelt im Spreepark Plänterwald“? Ade, fröhliches, seliges Deutschland- Bild. Ersteres ist eine Hardcore-Rummelhölle. Und im abgewrackten Spreepark bietet eine Handvoll Desperados neben kopflosen Dinosauriern und einer Regenschirm-Installation in Tannenbaumform selbst gezogene Kerzen und „Keltenfleisch“ an. Nun noch ein Graupelschauer und jeglicher Glaube ans Christkind verraucht. Den Widerstand gegen diesen Kulturverlust kann Berlin von Britannien lernen. Dort haben sich die Menschen schon vor Jahren in der Grafschaft Dorset erhoben. Gegen die Ausrichter schäbiger, verschlammter und von jeglicher Atmosphäre befreiter Weihnachtsparks. Wo Weihnachtsfreude vernichtet wird, da keimt Weihnachtswut.

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