Zeitung Heute : Deutsche Gesichter

Nach dem Krieg kam er zurück nach Berlin und machte Bilder vom Alltag der Menschen im zerstörten Land. Eines davon ging um die Welt. Zum Tode des Fotografen Henry Ries

Werner A. Perger

Vor allem war Henry Ries, der weit gereiste Fotograf, Künstler und Musikliebhaber, ein begnadeter Geschichtenerzähler. Zu berichten gab es ja viel aus einem wahrlich bewegten Leben, das in Berlin begonnen hatte. Hier war er am 22. September 1917 als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie zur Welt gekommen, hier wuchs Heinz auf, und von hier emigrierte er als junger Mann in die Vereinigten Staaten, um Henry zu werden. Zwei Anläufe brauchte er dazu, einmal haben sie ihn zurückgeschickt – allein diese Odyssee wäre schon eine abendfüllende Geschichte, mit der amerikanischen Einwanderungsbürokratie in der tragikomischen Hauptrolle.

Nach Berlin kehrte Henry Ries als US-Soldat 1945 zurück, ohne Siegergefühl, erschüttert, mitfühlend. Da „wir wohl genährten Amis“, dort die „verhärmten Berliner Gestalten“, „verängstigt oder misstrauisch“. Er sah das Elend der Besiegten und weigerte sich, an deren kollektive Schuld zu glauben. Und ihn beschäftigte die Frage: War er berechtigt, über die Deutschen, die ihn vertrieben und Mitglieder seiner Familie ermordet hatten, zu richten? „Ich wollte nicht urteilen“, sagte er häufig.

Manche seiner jüngeren Freunde in Deutschland stritten mit ihm gelegentlich über seine Skrupel und seine Nachsicht gegenüber der Nazigeneration. Aber Henry Ries beharrte stets darauf, er habe Glück im Unglück gehabt: Als Jude habe er schließlich nicht schuldig werden können. Wer weiß, sagte er, was aus ihm, dem großen Blonden, sonst geworden wäre.

Wie zum Beweis erzählte er dann gerne die Geschichte vom Nazilehrer, der kurz nach Hitlers Machtergreifung die Jungs in Bio auf den neuesten Stand zu bringen gedachte. Rassenlehre: Wie sieht ein klassischer Arier aus? Kurzer Blick in die Runde. „Ries!“ Und dann beschrieb er der Klasse anhand dieses vermeintlichen Prototyps rassischer Reinheit die klassischen Züge des arischen Kopfes. Henry Ries erinnerte sich: „Als ich wieder an meinem Platz war, fragte ich, ob ich was sagen dürfte. Ja, was ist? Und ich sagte: Ich bin Volljude.“ Das gab ein brüllendes Gelächter auf Kosten des Lehrers, und wer diese Geschichte Jahrzehnte danach in sicherer Entfernung hörte, lachte herzlich mit.

Aber den Jungs damals ist das Lachen bald vergangen, die Nazis meinten es ernst. Der junge Jude mit dem arischen Profil verließ kurz darauf die Schule (auf Anraten des wohlmeinenden Direktors) und wenige Jahre später das Land, ungern zwar, aber hier hatte er, gelinde gesagt, keine Zukunft.

Die Emigration – ein Glücksfall? „Das war die Gnade meiner jüdischen Geburt“, sagte er immer wieder, unbeirrbar. Und blieb dabei: Wer weiß, was aus mir geworden wäre.

Nach Berlin ist Henry Ries immer wieder gekommen, sein ganzes Leben lang, die Stadt hat ihn nicht losgelassen. Ihr Schicksal, ihre Entwicklung haben ihn fasziniert: der Überlebenskampf, Teilung, Mauer, Mauerfall, Zusammenwachsen. Dass die Stadt ihn 1999 im Roten Rathaus mit der Verleihung des Professorentitels ehrte, hat ihn, der an Titeln nie ein Interesse hatte, doch angerührt, später auch das Bundesverdienstkreuz, das Johannes Rau ihm verlieh.

In den 50er Jahren hatte Henry Ries sich in New York eine erfolgreiche Existenz als Werbefotograf aufgebaut, später zog er ins Columbia-County im Bundesstaat New York. Seine Laufbahn als Fotoreporter aber hatte er nach dem Krieg in Europa, in Berlin begonnen, zunächst für das Armee-Magazin „Omgus Observer“, dann für die „New York Times“. Für sie bereiste er ab 1947 den vom Krieg gezeichneten Kontinent, vor allem aber dokumentierte er den Alltag der Deutschen im zerstörten Land mit Bildern, die mehr erzählen als viele Worte. Ein Buch, das er 1951 darüber veröffentlichte („German Faces“) wurde in Amerika zum Bestseller; die deutsche Ausgabe erschien 1988 („Deutsche. Gedanken und Gesichter“).

Berühmt ist von Henry Ries’ Reporterarbeit besonders das eine Bild, das 1948 entstand und zur Ikone des Kalten Kriegs und der Berlinblockade wurde: Der „Rosinenbomber“ im Anflug auf den Flughafen Tempelhof, voll beladen mit Hilfsgütern für die Berliner, auch für die Kinder auf dem Trümmerberg, die erwartungsvoll nach oben sehen. Das Foto ging um die Welt, wurde millionenfach veröffentlicht, in Zeitungen, Zeitschriften, Schulbüchern, Lexika – und auf einer amerikanischen Briefmarke.

Die Autobiografie, die Henry Ries als letztes von mehreren Büchern veröffentlichte, heißt „Ich war ein Berliner“. Als er Berlin im vergangenen Herbst als Gast des Senats noch einmal besuchte, ging er auch in das Haus in der Meinekestraße, gleich beim Kurfürstendamm, in dem er den größten Teil seiner Jugendjahre verbracht hatte. Es war ein Abschied.

Am 24. Mai ist Henry Ries in seinem Haus, draußen im Wald, anderthalb Autostunden von Manhattan, sechseinhalb Flugstunden von Berlin, betreut von seiner geliebten deutschen Frau Wanda und umgeben von Freunden, friedlich gestorben.

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