Zeitung Heute : Deutsche Kleidkultur

Schlicht, gradlinig, hochwertig: Gabriele Strehle verkauft Mode „made in Germany“. Lange war das schwer

Grit Thönnissen[Nördlingen]

Direkt neben dem Empfang steht eine Kleiderpuppe in einem Glaskasten. Sie trägt ein kurzes Tweedkostüm mit Hahnentrittmuster. Eine junge Frau mit Aktenordnern unterm Arm läuft vorbei, bleibt abrupt stehen und sagt: „Fassen Sie es ruhig an. Ich dachte auch, es fühlt sich kratzig an. Aber es ist ganz weich.“ Bei Strenesse ist selbst die Buchhaltung stolz aufs Produkt. Auf dem Couchtisch des Firmenchefs, der extra sein Zimmer geräumt hat für den Besuch, stehen schon Brot, Wurst, Gürkchen und Käse. Wir dachten, Sie haben vielleicht Hunger“, sagt Gabriele Strehle.

Es wirkt nicht so, als sei dies ein internationaler Modekonzern. Dies ist ein Familienbetrieb, nein, ein familiärer Betrieb. Eine Tür öffnet sich, Viktoria Strehle, die Stieftochter der Designerin nickt, murmelt etwas von viel Arbeit und verschwindet. Einen Moment später kommt ihr Vater Gerd Strehle vorbei: „Braucht ihr mich jetzt?“, fragt er. Gabriele Strehle stellt sich neben ihren Mann und sagt: „Mir wäre am liebsten, wir fangen gleich an.“

Morgen zeigt sie ihre Mode für den Sommer 2008 auf der Mercedes-Benz Fashion Week am Brandenburger Tor. Zum ersten Mal präsentieren internationale Modeschöpfer ihre Kollektionen in Deutschland im Rahmen einer Modewoche. Elf Schauen wird es geben; allerdings sind nur zwei große Deutsche dabei: Hugo Boss und eben Strenesse.

Gabriele Strehle, sagt man, sei „die deutscheste“ aller Designer. Gabriele Strehles Modelle lassen nie viel Haut sehen, sind eher kantig als fließend. Sie setzt keine Trends. Sie mag es auch, wenn die Grenzen zwischen weiblich und männlich verschwimmen. In ihrer Abendgarderobe ist immer ein Smoking für Frauen. Muster setzt sie dezent ein, und Farbe eher, um Schwarz oder Grautöne zu betonen. Die Form soll immer eine Funktion haben, wie das schon beim Bauhaus war.

An ihrem Beispiel lässt sich erzählen, wieso es der deutschen Mode lange schlecht ging – und warum es jetzt wieder aufwärts geht. In den vergangenen zwei Saisons hat sie ihre Kollektionen auf Schauen gar nicht mehr gezeigt. Die Firma steckte in einer Krise. Dass sie jetzt nach Berlin kommt, liegt vielleicht auch daran, dass Gabriele Strehle vor Berlin einfach nicht so viel Angst hat wie vor Mailand. Die Schauen dort seien immer ein „verlängerter Albtraum“ gewesen. „Als Kreativer hast du immer Zweifel“, sagt sie. Und die plagten sie auf der italienischen Modebühne besonders, wo sie in direkter Konkurrenz stand zu Marken wie Prada und Armani. Nach der Schau hat sie sich immer nur für einen kurzen Moment gezeigt. Während der Verbeugung war sie schon wieder auf dem Rückzug in die Kulissen und von dort nach Nördlingen. Sie sagt: „Berlin passt zu Strenesse. Ich glaube, dass ich berlinerisch in meiner Mode bin, gradlinig und schnörkellos.“

Gabriele Strehle, 56, trägt schwarzweiße Schuhe von Adidas, einen schwarzen Wollpullover mit Rundhalsausschnitt, eine bequeme Hose, beides Strenesse. Sie trägt die Uniform der Zurückhaltung. Ihr ist nicht wichtig, dass jemand die Marke Strenesse erkennt. Das größte Kompliment wäre für sie: „Du siehst toll aus.“ Kleine Pause, Gabriele Strehle lächelt und fügt hinzu: „Was hast du denn da an?“ Wenn man Gabriele Strehle begegnet und sie sich später nicht mehr daran erinnern kann, was man trug, hat man ihrer Meinung nach alles richtig gemacht. Wenn es nach ihr ginge, sollte Mode den Träger nie verdecken, sondern stattdessen seine Persönlichkeit hervorheben.

Gabriele Strehle spricht gern über die Provinz. Sie hat die Beine auf dem Drehstuhl unter sich verknotet; mit den großen Händen fährt sie in der Luft herum. Als sie begann, „sich in Mode auszudrücken“, wie sie es nennt, hat sie gemerkt, wie wesentlich ihr Elternhaus im kleinen Allgäuer Ort Hawangen für ihre Arbeit war. Als schüchternes Kind, das am liebsten in der Stube vor sich hinbastelte, trug sie niemals synthetische Kleidungsstücke. „Ich hatte meinen blauen Wollpullover und meinen grauen Faltenrock – das war immer Qualität.“ Ihr Vater leitete die örtliche Molkerei. Wenn sein Käse mal keine Auszeichnung erhielt, hing der Haussegen schief. Ihre Mutter nähte die meisten Kleider selbst, der Pudding kam nicht aus der Tüte. Nach der Volksschule machte Gabriele Strehle eine Lehre als Maßschneiderin in Memmingen. Seitdem ist für sie ein Jackett nicht einfach ein Jackett: Es ist Detailarbeit, die Schulterpartie, das Revers. Anders als viele Designer denkt sie nicht in Silhouetten, um die dann dem Schnittmeister zu übergeben mit der Weisung: Jetzt mach mal. Sie arbeitet sich an jedem Detail ihres Entwurfes ab, höchstpersönlich. „Detailfreak“, nennt sie sich.

Die Strehles haben sich viel Zeit genommen, um das Unternehmen aufzubauen. 1973, als Gabriele Strehle ihren ersten Job in Nördlingen antrat, stellte die Firma Strehle Damenmäntel und Kostüme bis Größe 56 her. Der Juniorchef Gerd Strehle hatte gerade für eine Verjüngung der Fabrik seiner Eltern einen neuen Namen erfunden. Aus Jeunesse für Jugend und Strehle machte er Strenesse. Wie die Kleidung dazu aussehen sollte, überließ er der 23-jährigen Modeschulabsolventin. Zwölf Jahre später heirateten der Chef und die Designerin.

Es hat bis 1995 gedauert, bis sich Strenesse mit eigenen Modenschauen nach Mailand wagte. „Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich es immer wieder herausgeschoben. Aber mein Mann hat gesagt: Jetzt ist es so weit.“ 1998 kam die für einen internationalen Erfolg in der Mode wichtige Personifizierung der Marke durch den Zusatz „Gabriele Strehle“ hinzu. „Ich dachte immer, wir kommen ohne aus“, sagt die Designerin.

Der Zeitpunkt war gut gewählt, Strenesse traf den Nerv der Zeit: Mode aus Deutschland zeigte eine Kantigkeit, wie sie damals gefiel. Das Model Nadja Auermann war mit seiner herben Erotik das richtige Gesicht zur Marke. Die Berlinerin hat schon 1992 für Strenesse geworben – wie fast alle Supermodels jener Zeit. Die Bilder von Christy Turlington, Linda Evangelista, Amber Valetta, Milla Jovovich, fotografiert von Jürgen Teller, Ellen von Unwerth und Mario Sorrenti hängen wie eine Ahnengalerie zwischen Bügelei und der Halle mit den Nähmaschinen.

Gabriele Strehles Stilsprache wurde Mitte der 90er international verstanden. Der Umsatz verdoppelte sich in den nächsten Jahren; 2001/2002 betrug er 102 Millionen Euro. Doch danach begann eine Phase, die sich für Strenesse zur ersten richtigen Krise in der Unternehmensgeschichte auswuchs. Die Strehles führten zu viele neue Kollektionen auf einmal ein – zu viele vielleicht für eine Designerin, von der es heißt, sie wolle alles selber machen. Und auch die Mode veränderte sich – zum Nachteil von Strenesse. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre, den „Jahren in Beige“, hatte gut gemachte und schlichte Kleidung dominiert. Dann kam der 11. September – und die Menschen hatten kein Interesse mehr an schlichter Mode in gedeckten Farben. Sie wollten das Gegenprogramm. Mode, die Lebenslust transportierte. Die Designer reagierten mit Romantik-Looks und Hippie-Kollektionen, mit wilden Mustern und flattrigen Stoffen, die in Windeseile von den großen Discountern kopiert wurden. Hinzu kam, wie es Gabriele Strehle ausdrückt: „Die vergangenen Jahre waren die Zeit der vergänglichen Produkte. Es war hip, günstig und viel zu kaufen. Da wurde es schwierig für Marken wie unsere.“ Plötzlich war das, was Strenesse in den 90ern so erfolgreich gemacht hatte, ein Problem. Aber die Chefdesignerin konnte nicht anders. Es klingt fast ein wenig hilflos, wenn sie sagt: „Ich kann das nur so machen.“

Auch deshalb scheiterte wohl auch vor gut zwei Jahren der Generationswechsel: Nur fünf Monate, nachdem Gerd Strehle den Vorstand seiner Firma an zwei junge Manager abgegeben hatte, feuerte der damals 64-Jährige sie und kehrte als Chef zurück. Da waren die Umsätze auf 81 Millionen Euro gesunken, Strenesse machte Verluste. Mit ihrer Teilnahme an der Berliner Modewoche will Strenesse wohl auch zeigen, dass sie die Krise überwunden haben. Was auch daran liegt, dass sich der Blick der Welt auf Mode wieder verändert hat. Die Zeit der Flatterhaftigkeit ist vorbei; Gabriele Strehle hat sie ausgesessen. Die Debatten um Werte und Tradition schlagen sich jetzt auch in der Mode nieder. In den Modezeitschriften sieht man hochgeschlossene, gerade geschnittene Blusen statt volumiger Babydolls und Röcke bis zum Knie und nicht knapp unterm Po. Ein Mit dem Geld eines Privatinvestors – ein Freund der Familie, Pharmaunternehmer – kann die Firma wieder konzentriert arbeiten. Und sachte ist eine Erneuerung im Gang. Stieftochter Viktoria Strehle ist seit einem Jahr auch für die Accessoires verantwortlich. Die 29-Jährige, die vorher beim Londoner Edelkaufhaus Harrods als Einkäuferin gearbeitet hat, bringt ihre persönlichen Vorlieben in die Kollektionen ein: Highheels und Stiefel. Vorher gab es vor allem flache Schuhe, wie ihre Stiefmutter sie trägt.

Man kann sagen, Strenesse ist das letzte unabhängige deutsche Luxusmodeunternehmen. Viele große Deutschsprachige haben ihren Namen verkauft. Jil Sander an den italienischen Konzern Prada, ebenso wie Helmut Lang. Und Wolfgang Joop finanziert mit dem Verkauf seines Markennamens „Joop!“ seine Spielwiese Wunderkind. Strenesse ist noch da, weil die Firma immer im Schutz der Provinz gearbeitet hat, seit 1973. Wie jedes anständige mittelständische Unternehmen sitzt es in einem Industriegebiet. Und dennoch ist Gabriele Strehle eine Respektsperson in der deutschen Mode, die gern nach ihrer Definition von Stil und – natürlich– Stilsünden gefragt wird. Aber sie will noch nicht mal zugeben, dass sie die immer wiederkehrende Frage nach den weißen Socken nervt: „Ich habe nicht das Recht, das zu beurteilen.“ Man muss schon mit ihr befreundet sein, um zu weißen Socken einen Kommentar zu bekommen: „Das ist mein Naturell, ich bin nicht laut. Ich drängle mich nicht nach vorne.“

Zuletzt musste sie vor der Fußball-WM inmitten der deutschen Nationalmannschaft posieren; sehr angenehm war ihr das sicher nicht. Sie ganz in Schwarz, Fußballer wie Christoph Metzelder, dem sie bis zur Schulter reicht, neben ihr im Strenesse-Anzug. Es könnte sein, dass die deutsche Nationalmannschaft das Unternehmen aus der Krise gerettet hat. Als Jürgen Klinsmann zum bestangezogenen Trainer gekürt wurde, kamen tausende Anfragen. „Die wollten alle genau das Hemd, genau die Hose“, sagt Gabriele Strehle staunend. Noch bis 2009 läuft der Vertrag. Teammanager Oliver Bierhoff hat es mit „Patriotismus“ begründet, dass Strenesse die Nationalmannschaft einkleiden darf. Gabriele Strehle begründet es mit Sorgfalt. Zu jedem Spieler sind sie hingefahren und haben Maß genommen.

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