Deutsche Manager : Weg vom Fenster

Die Affäre Zumwinkel könnte sich zur Katastrophe für das Ansehen der deutschen Eliten ausweiten

Antje Sirleschtov Robert Birnbaum

Es kommt nicht oft vor, dass die Zuhörer in der allwöchentlichen Regierungspressekonferenz plötzlich den Atem anhalten. Aber Thorsten Albig hat nun mal einen sehr dringlichen Ton in der Stimme. Der Sprecher von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) verkündet am Freitagmittag ja auch eine höchst ungewöhnliche Botschaft. Das deutsche Steuerstrafrecht, sagt er, biete „für Menschen, die glauben, dass sie dem Finanzamt etwas mitzuteilen haben“, das Instrument der Selbstanzeige. Es sei zu hoffen, dass alle, die dieser Hinweis betreffe, ihn auch beherzigten. Die regierungsoffizielle Rechtsbelehrung ist nicht ins Blaue gesprochen. Sie ist ein letzter Versuch, zu retten, was kaum zu retten ist. Der Fall Klaus Zumwinkel ist kein Einzelfall. Wie viele weitere Fälle gibt es, Herr Albig? „Sehr viele“, sagt der Sprecher. Hunderte, sagt später die Staatsanwaltschaft Bochum. Vielleicht eine vierstellige Zahl, sagen Leute, die Details kennen.

Als wäre nicht die Steueraffäre Zumwinkel allein schon eine Katastrophe für das Ansehen der deutschen Eliten, droht eine beispiellose Welle von Razzien, Haftbefehlen, Strafverfahren. Ausgelöst wurde sie durch einen Informanten, der dem Bundesnachrichtendienst (BND) voriges Jahr sein Wissen darüber anbot, wie betuchte Deutsche mit Hilfe von Stiftungen in Liechtenstein den deutschen Fiskus umgehen. Der BND leitete das Material weiter an die nordrhein-westfälische Steuerfahndung; man habe auch keine Kopie fürs eigene Archiv gezogen, wird beim Geheimdienst versichert. In den Unterlagen und im Zuge der Ermittlungen begegnete den Fahndern nach Angaben von Eingeweihten eine vierstellige Zahl von Namen; gegen mehrere hundert Personen sind Verfahren eingeleitet. Um wen es sich handelt, darüber hüllt sich die zuständige Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft in Bochum naturgemäß in Schweigen. Aber dass Zumwinkel nicht der einzige bekannte Name bleibt, ist sicher. Man muss viel Geld haben, damit sich Steuerflucht nach Liechtenstein lohnt. Von Summen, die sich zu Milliarden aufaddieren, ist die Rede.

Hinter alledem verblasst schon fast, dass Zumwinkel am Freitag seinen Rücktritt ankündigte. Am Montag, zur nächsten Aufsichtsratssitzung, werde er sein Amt als Vorstandschef der Post AG niederlegen. Es hat massiven Drucks bedurft, bis der 64jährige begriff, dass ihm nur der Rückzug blieb. Noch am Donnerstagabend – Zumwinkel war kaum von der Vernehmung bei der Staatsanwalt Bochum zurück, der Haftbefehl gegen hohe Kaution vorläufig ausgesetzt – hatte die Post mitgeteilt, der Top-Manager führe „die Geschäfte wie gewohnt fort“. In Berlin löste die Nachricht ungläubiges Kopfschütteln aus. Die Bundesregierung ist nach wie vor wichtiger Anteilseigner des einstigen Staatskonzerns. Freitagfrüh verständigten sich Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister am Rand der Bundestagssitzung endgültig: Der Mann muss weg. Finanzstaatssekretär Werner Gatzer machte als Vertreter des Bundes im Aufsichtsrat Druck. Parallel dazu legten Spitzenpolitiker von Union und SPD dem Widerspenstigen öffentlich den Rückzug nahe. Auch SPD-Chef Kurt Beck forderte den Parteifreund zum Rücktritt auf. Im Lauf des Vormittags gab Zumwinkel nach. Den Rücktritt gibt die Regierung als erste bekannt, nicht die Post. Und es ist Steinbrück, der öffentlich macht, dass Zumwinkel im Verhör geständig gewesen sei.

Die Nachrufe fallen gallig aus. „Ich glaube, es geht mir wie vielen Menschen in Deutschland: Das ist jenseits dessen, was ich mir habe vorstellen können und was viele sich haben vorstellen können“, sagt Merkel. Die Kanzlerin hatte am Donnerstagfrüh durch die Eilmeldungen der Nachrichtenagenturen von der Hausdurchsuchung bei Zumwinkel im Kölner Villenviertel Marienburg erfahren. Ausgerechnet Zumwinkel! Mit dem Mann hatte Merkel eine Rechnung offen, hat er ihr doch durch seine trickreiche Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften den Post-Mindestlohn eingetragen. Der Mann habe damals, erzählen sie in der Union, salbungsvoll aus Papst-Enzykliken über die Verantwortung für kleine Leute vorgelesen – der Moralapostel, ein Steuerbetrüger. Wäre es nicht so bitter, sagt einer, man könnte lachen.

Doch seit Donnerstagabend wusste die Regierung, dass der Postmann nur einer von vielen dicken Fischen an der Angel der Steuerfahnder ist. Eine Namensliste habe man nicht, versichert Sprecher Albig. Aber dass die Verdächtigen allesamt „Leistungsträger“ seien, ergebe sich aus der Natur der Sache. Ganz allmählich dämmert es den ersten, dass der Fall genau deshalb Auswirkungen weit über den Anlass hinaus haben könnte. Wenn auch die anderen Verdachtsvorwürfe sich als richtig erwiesen sollten, unkt ein Regierungsmann, drohe massenweise „Harakiri“ unter Deutschlands Eliten. Wirtschaftsverbände warnen schon kleinlaut davor, jetzt gleich alle Manager mit Zumwinkel über einen Kamm zu scheren. Das Bild vom schwarzen Schaf hat Hochkonjunktur in den eilends formulierten Pressemitteilungen.

Aber wenn es eben nicht nur ein schwarzes Schaf bleibt, sondern von Razzia zu Razzia eine immer größere Herde wird – was dann? „Es ist ein Trauerspiel“, stöhnt Michael Fuchs. Der Mittelständler leitet den Parlamentskreis Mittelstand der CDU/CSU-Fraktion, und er tut das sonst durchaus kämpferisch. Aber an Tagen wie diesen, sagt er, könne einen glatt das Selbstmitleid befallen. Wie sollen er und seine Leute denn künftig noch für die deutsche Wirtschaft kämpfen? Wie sich für Marktwirtschaft einsetzen, wenn wichtige Repräsentanten sich immer wieder als primitive Raffkes erweisen? Bei der Linkspartei, sagt Fuchs, gebe es heute wahrscheinlich original französischen Champagner: „Der Oskar Lafontaine, der lacht sich doch kaputt!“

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