Zeitung Heute : Deutsche Meisterschaften gestartet - "Die machen uns die Server platt"

Torsten Hampel

Alfred Brehm war folgender Meinung: "Man darf das Moorhuhn als einen verhältnismäßig hochbegabten Vogel bezeichnen. Es gehört zu den regsamsten und lebendigsten Hühnern, die ich kenne, ist gewandt ... und versteht es, sich unter den verschiedensten Verhältnissen geschickt zu bewegen." So ist es zu lesen auf Seite 517 in Brehms Tierleben von 1900, im fünften Band, unter "Vierte Ordnung: Hühnervögel". Das Buch ist eine vergnügliche Lektüre und nimmt den Leser ein für das Federvieh. Man möchte es allen Anhängern der virtuellen Moorhuhnjagd im Lande ans Herz legen.

Denn die Jagdsaison erreicht seit Montag einen neuen Höhepunkt. Millionen computeranimierter Vögel sterben täglich im Dauerfeuer der Online-Jäger. Seit dem Wochenanfang läuft im Internet die erste Deutsche Moorhuhn-Meisterschaft um den Titel des effektivsten Hühnermörders. Der Ansturm auf die Website ist so groß, dass viele Interessenten bisher gar nicht auf ihr landen konnten. Oder wegen zu langer Ladezeiten die Seite wieder verließen, bevor sie auf dem Monitor war. Erst gestern Nachmittag waren die Engpässe geweitet.

Die Bochumer Phenomedia AG ist die Erfinderfirma des Moorhuhnspiels und solchen Kummer gewohnt. "Unsere Server sind schon früher manchmal platt gemacht worden", sagt Phenomedia-Sprecher Ulf Hausmanns. Die Firma zählte bisweilen 50 000 downloads der Offline-Version des Spiels pro Stunde. Seit sieben Wochen werden die Zugriffe gezählt. Hausmanns zufolge liegen sie bei insgesamt 2,5 Millionen. 1,5 Millionen Besucher hatte die Trainingsversion für die Deutsche Meisterschaft in den letzten zehn Tagen. Bisweilen war auch von 500 000 täglichen Zugriffen auf die Trainingsspiele zu lesen. Bei all den Superlativen hat Phenomedia wohl etwas den Überblick verloren. Allein am 3. April, am Premierentag der überarbeiteten Moorhuhn-Seite, soll es drei Millionen page impressions, also auf- und umgeblätterte Seiten unter der Hühner-Adresse, gegeben haben.

Das alles bei einem Spiel, bei dem es darum geht, binnen 90 Sekunden soviele Vögel wie möglich vom Himmel zu holen. Einfach alles abschießen, was vorbei fliegt. So einfach. Oder auch nicht, denn wer bei der Meisterschaft vorn mitmischen will, der muss schon etliche Treffer in den eineinhalb Minuten landen. Die Vorrunde endet am 12. Mai, danach werden aus den zehn Regionalgruppen die jeweils besten hundert Teilnehmer ermittelt. Dann muss sich zur Fingerfertigkeit das Glück gesellen. Aus jedem Hunderter-Pool sollen jeweils drei Super-Schützen ausgelost werden. "Hacker müssen am 20. Mai die Hosen runter lassen", sagt Hausmanns. Dann nämlich findet in Hamburg die Endrunde vor Publikum statt und diejenigen, die sich mit Manipulationen Zugang zum Kreis der Besten verschafft haben, müssen dann wirklich ballern.

Das Spiel entstand 1998 bei einer Werbeaktion für die Whiskymarke "Johnny Walker" und fand damals unter den wenigen Beschenkten offensichtlich eine Menge Freunde. Die hängten das Spiel an ihre E-Mails an und sorgten so für eine flächendeckende Verbreitung. Ein Jahr später wurde Phenomedia von den Fans auf die Beliebtheit des Spiels aufmerksam gemacht, im Spätsommer tauchten die ersten Fanseiten im Internet auf. "Die und ihre Schöpfer schauen wir uns mittlerweile ganz genau an", sagt Hausmanns, "wir werden versuchen, einige von denen für Phenomedia zu gewinnen." Das Moorhuhn-Fieber als Jobmaschine.

Der Spielehersteller begriff und verwandte das Huhn als Sympathieträger für seinen Börsengang im vergangenen November. Und gelohnt hat es sich offensichtlich, denn spätestens mit dem Gang an die Börse wurde Moorhuhn-Ballern zum Massenspiel, Volkswirten wurde die Angst vor Konjunktureinbrüchen angedichtet. Denn die Schießerei gilt als Bürospiel. Anhaltspunkte dafür gibt es, gesicherte Daten nicht. Angefragte Firmensprecher oder Behördenvertreter kennen das Spiel oder kennen es nicht. Phenomedia verweist auf E-Mails begeisterter Spieler, unter anderem aus dem Bundestag und dem Bundespräsidialamt.

Die durchschnittliche Spieldauer der "Highscore"-Schützen für die ersten beiden Tage der Meisterschaft liegt um die 45 Minuten. 45 Minuten an zwei Tagen mal 50 Mark pro Facharbeiterstunde mal die vielen hundertausend Spieler. Da kommt schon einiges an Ausfallzeit zusammen. Soviel, dass es zwischenzeitlich eine Software gegeben haben soll, mit der die Chefs ihren Angestellten die Freude am Jagen vermiesen konnten. Hausmanns hält dagegen, dass die meisten Spiele am späten Nachmittag oder am frühen Abend gespielt werden, nach Büroschluss also. Doch feststellen läßt sich dies freilich nur bei der online gespielten Variante.

Und warum wird ausgerechnet auf Moorhühner geschossen und nicht auf Löwen oder Enten? Der Schotten-Whisky ist der Grund, denn das Hühnchen ist ein schottisches Geschöpf. Und es benimmt sich auch in Wirklichkeit so, wie der Spieler es kennt. "Unbeweibte Männchen zeigen sich oft überaus sorglos und laufen längere Zeit ungedeckt vor dem Wanderer oder Jäger einher", wusste schon Alfred Brehm.Das Spiel im Internet unter

www.moorhuhn.de

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