Zeitung Heute : Deutsche Modegötter (5): Keks am Ohr

S.N.

Werden Kultursenatoren nach ästhetischen Gesichtspunkten ausgewählt? Vor drei Monaten besangen wir an dieser Stelle Christoph Stölzl, den Vorgänger von Adrienne Goehler. Die Besetzung hat gewechselt, doch der Schauwert ist - wir stellen es mit Befriedigung fest - geblieben.

Allerdings mit verkehrten Vorzeichen: Wo Senator Stölzl das britische Understatement pflegte, steht bei Senatorin Goehler die entschiedene Aussage. Keine Kostüme, mit denen frau diskret ins Muster der Männerwelt übergehen würde, stattdessen weit ausgeschnittene, körpernahe Oberteile und Jacken ohne Schulterpolster. Keine hohen Hacken, die Männern so gefallen, weil sie nicht selbst darauf gehen müssen, sondern flache Schuhe, die Tempo und Standfestigkeit nicht beeinträchtigen. Am rechten Arm ein ganzes Bündel Armreifen, am linken Mittelfinger dazu passend ein Bündelchen Ringe - in diesem Outfit vereint sich die Vergangenheit in Friedensbewegung, Frauengremien und Ökobewegung aufs Schönste mit der Gegenwart als durchsetzungsstarke Politikerin.

Gewagt ist die Frisur: Ein Bob mit Naturkrause, dessen Silhouette sich gelegentlich der eines Mops annähert. Im Gegensatz zu einigen männlichen Regierungsmitgliedern hat Andrienne Goehler es allerdings nicht nötig, sich die Haare zu färben. Jugendlichkeit braucht sie nicht vorzutäuschen; die grauen Haare zwischen den dunklen tun ihrer vitalen Ausstrahlung keinen Abbruch.

Aber der Witz sind die Ohrringe. Was für Heide Simonis ihre gewaltige Hutkollektion, sind für Adrienne Goehler zwei winzige Vogelbauer nebst Inhalt, mächtige Gehänge wie bunte Weintrauben oder Quadrate, die aussehen wie Blätterteigkekse mit Marmeladenfüllung. Da kommt Individualität zum Ausdruck - und zwar auf eine Weise, die sich jeder merkt. Wer solche Ohrringe trägt, muss straffe Schultern haben! Dagegen kann jede Krawattennadel einpacken.

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