Deutsche ohne Angst : Die Basis heißt Vertrauen

Trotz Krise haben die Deutschen keine Angst. Das ist ein Signal. Dieses Land ist weder radikal noch extremistisch. Es ist in seiner überragenden Mehrheit von der Erfahrung geprägt, dass die demokratischen Institutionen verlässlich sind. Dass es so bleibt, liegt in der Verantwortung derer, auf die die Bürger schauen.

Gerd Appenzeller

Nun ist nicht einmal mehr auf die Vorurteile Verlass, die die Welt über die Deutschen hat und in deren grübelnder Analyse wir, die Betroffenen, uns so wollüstig-selbstquälerisch von der Depression zur Resignation und zurück bewegten. Angst vorm Waldsterben und dem Einschlag von Meteoriten, Angst vor dem Atomkrieg und vor BSE – höhnisch hat vor allem die angelsächsische Publizistik den deutschen Weicheiern all dies gerne um die Ohren gehauen. Und nun das! Mitten in der größten Wirtschaftskrise seit Menschengedenken haben die Deutschen keine Angst.

Eine seit fast 20 Jahren regelmäßig durchgeführte Umfrage im Lande ergibt diesmal, dass die ökonomische Weltkrise die Deutschen völlig kaltlässt. Das Katastrophenverhinderungsmanagement der Bundesregierung beruhigt die Bürger, stellen wissenschaftliche Auswerter der Studie fest. Die Kurzarbeit stoppt den möglichen Absturz in eine massive Entlassungswelle. Die sogenannten automatischen Stabilisatoren, die Zahlung der Renten also und anderer staatlicher Beihilfen, tragen zur Beruhigung bei. Das Gefühl, es herrsche sozialer Friede und großes Einvernehmen aller gesellschaftlichen Kräfte führt zu einer Gelassenheit, die für einen renommierten Politologen „an ein Wunder“ grenzt.

Dabei wussten und wissen die Deutschen ganz genau, wie ernst die Lage ist. Am 16. September 2008 ging in den USA die Investmentbank Lehman Brothers pleite, die Weltwirtschaft geriet an den Abgrund. Die Deutschen ahnten, es könne auch sie treffen. Die Vermögenden unter ihnen hoben in wenigen Wochen 11,4 Milliarden Euro von ihren Konten ab – in 500-Euro-Scheinen. Eine monetäre Notration war das. Aber es war vor allem Panik – die Situation, in der am 5. Oktober Kanzlerin und Finanzminister beschworen: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind.“ Es dauerte ein paar Tage, aber dann glaubten die Sparer den beiden.

Sorgen um Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit sind seit 80 Jahren deutsche Urängste. Während der Zweite Weltkrieg und seine Ursachen und Folgen, deutsche Schuld, deutsches Versagen, deutsches Leid, in den meisten Familien eher beschwiegen als besprochen wurden, ist die große Depression, die mit zum Zusammenbruch der Weimarer Republik führte, ein von Generation zu Generation weitergetragenes Thema. Heute haben die Bürger der Bundesrepublik Deutschland ganz überwiegend das Gefühl, die Gesamtsituation ihres Landes sei so gefestigt, dass die in der Erinnerung geradezu apokalyptischen Plagen nicht zurückkehren können. Dieser Vertrauensbeweis für die demokratischen und gesellschaftlichen Institutionen ist gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Eine Schlussfolgerung daraus liegt nahe: Jede leichtfertige, etwa parteipolitisch motivierte, Belastung dieses Konsenses würde die Bürger verunsichern. Das ist, in der Endphase eines manchmal als lahm empfundenen Wahlkampfes und vor einem Winter, in dem sich die wirtschaftliche Krise fast unausweichlich verschärfen wird, ein Signal. Ein Signal an alle, die im Urteil der Öffentlichkeit Stabilität garantieren. Dieses Land ist weder radikal noch extremistisch. Es ist in seiner überragenden Mehrheit von der Erfahrung geprägt, dass die demokratischen Institutionen verlässlich sind. Dass es so bleibt, liegt in der Verantwortung derer, auf die die Bürger schauen.

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