Zeitung Heute : Deutsche Soldaten sind gute Soldaten

STEPHAN-ANDREAS CASDORFF

Bilder, die die Welt bewegen: Die Kosovaren küssen Panzer, streuen Blumen, herzen die Soldaten. Deutsche Soldaten. Bilder, die für alle unvergeßlich sind, für Befreier wie Befreite - und die viele daran erinnern, wie es war vor mehr als fünfzig Jahren. Nein, nicht das Unrecht soll miteinander verglichen werden, auch nicht ein Diktator mit einem anderen - Kriegsverbrecher alle beide -, sondern um diesen einen Moment geht es, der wirkt wie ein Leuchtstrahl der Erkenntnis: Die Nachkriegszeit zeigt den Weg zu einer neuen Weltordnung. Und in dieser ganzen Zeit, der Zeit des Kosovo-Kriegs, stehen die Deutschen auf seiten der Demokratie, des Rechts, der Befreier. Ein beglückendes Gefühl - und eine enorme Verpflichtung.

Auf der Brücke ins 21. Jahrhundert, wie der amerikanische Präsident Bill Clinton dieses Jahr 1999 nennt, erfüllt sich das, was vor wenigen Jahren sein Vorgänger George Bush den Deutschen antrug: eine Partnerschaft in der Führung. Der Kosovo-Krieg ist zu einer Katharsis geworden. Die rot-grüne Bundesregierung, kaum im Amt, hatte die härteste Prüfung zu bestehen, die einer deutschen Nachkriegsregierung gestellt war; sie hat nicht nur nicht versagt, sie hat partnerschaftlich gehandelt und gemeinsam mit den USA die Allianz der Vernunft geführt. Der deutsche Außenminister war es, der half, den Blick auf die Verhandlungen zu lenken, als alle auf die Bombentreffer schauten. Der Kanzler war es, der die Partner in Europa zusammenhielt und Finnlands Präsidenten Martti Ahtisaari zum Unterhändler machte. Ein großer General braucht auch Fortüne, sagte einmal der Alte Fritz - Politiker, die zu Staatsmännern werden wollen, brauchen es auch.

Joschka Fischer und Gerhard Schröder, beide sind ihrer Verantwortung gerecht geworden, die auch schwer auf ihnen lastete, weil sie verbunden ist mit der Präsidentschaft in der Europäischen Union. Aber die Verantwortung endet nicht, wenn die Präsidentschaft geendet hat. Denn jetzt, nachdem die Wochen des Bombardements beendet sind, die Befreiung beginnt, Soldaten den Frieden sichern, beginnt jahrelange Aufbauarbeit: im Kosovo und darüber hinaus. Im geschundenen Land sind die Konturen der neuen Weltordnung zu sehen, die Zusammenarbeit über Einflußsektoren hinweg bedeutet. Das "Europa der Menschenrechte", das der Kanzler in einer Regierungserklärung ausgerufen hat, muß sich beweisen; und die Deutschen müssen tatkräftig bleiben.

Von nun an gibt es keine deutschen "Sonderwege" mehr - weil die Deutschen sonst Europa in die falsche Richtung führen würden. Die falsche Richtung, das wäre: heraus aus der Solidarität, die den alten Kontinent erst stark gemacht hat. Alle, ob Rot oder Grün, haben doch inzwischen den Satz des alten, großen Europäers Helmut Kohl übernommen, der sagt: Europas Einigung ist eine Frage von Krieg oder Frieden. Wer dagegen verstößt, wer die Hierarchie der Argumente nicht anerkennen will, der begibt sich auf einen Sonderweg. Und wer das befürwortet, der zählt, wie Altbundeskanzler Helmut Schmidt einmal treffend schrieb, zu den "strategischen Pygmäen".

Tatkräftig bleiben: Das ist eine politische Verpflichtung, das zunächst, und dann eine finanzielle. Aufbau kostet Geld. Wer - auf die übrigen Staaten Europas gesehen - mehr Geld hat, der wird dem entsprechend zahlen müssen. Dieser Logik werden wir Deutsche uns nicht entziehen können, ohne den Führungsanspruch aufzugeben. Politisch muß es gelingen, die Zusammenarbeit der letzten Wochen zu tradieren, ins nächste Jahrhundert als Erbe mitzunehmen. Hier immerhin paßt schon ein Satz unseres künftigen Bundespräsidenten: Daß Zurückhaltung in der Sprache nicht als Mangel an Festigkeit in der Sache zu verstehen sei. Deutschland ist verstanden worden; und es ist, nach den Jahrzehnten der Zurückhaltung, in die Verantwortung gestellt. Europa entschlossen zu erweitern, Demokratie und Menschenrechte zu verbreiten und zu verteidigen, außerdem Rußland mit diesem Europa dauerhaft zu verbinden - das ist eine Aufgabe für uns Deutsche, denen die USA gemeinsame Führung in der Gemeinschaft der Demokraten angetragen haben. Eine Führung, die auch in Zukunft Opfer verlangen wird.

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