Zeitung Heute : DEUTSCHE TELEKOM IN BEDRÄNGNIS: Die Angst, den Anschluß zu verlieren

DANIEL WETZEL

Mehr als 1,4 Millionen Bundesbürger folgten ihrem Fernsehvorbild Manfred Krug im November 1996 auf das Börsenparkett.Sie machten die T-Aktie zur Volksaktie - und verfolgen seitdem die Entwicklung der Börse mit ängstlichem Staunen.Die zweite Telekom ist ein "global player" in einem der am schärfsten umkämpften Märkte der Welt.

Die verunsicherten Kleinaktionäre können dem Supertanker Telekom einen Strich durch die Rechnung machen.An diesem Donnerstag treffen sich Zehntausende privater Anteilseigner zur Hauptversammlung in der Köln-Arena.Nach der mißglückten Fusion mit Telecom Italia stellen sie sich und ihrem Vorstand die Frage: Welche Chancen sind dem Unternehmen, der T-Aktie noch geblieben? Wenn die Antwort des Konzernchefs Ron Sommer nicht überzeugend ausfällt, droht der zweite Börsengang der Telekom eine Niederlage zu werden, schlimmer als die jüngste Italien-Pleite.

So muß Ron Sommer heute eine Meisterleistung abliefern.Er muß auch für seine kleinen Aktionäre die beiden Unternehmen Deutsche Telekom zu einem zusammenführen: Wenn der Telekom-Chef die materiellen Erwartungen seiner Kleinaktionäre bedienen will, muß er Kooperationspartner vorschlagen.In ihrer Entwicklung zu einem globalen Unternehmen darf sich die Telekom nicht um nationale Grenzen und Sentimentalitäten kümmern.Gleichzeitig aber müssen die kurzfristigen Renditesorgen der privaten Anteilseigner ernst genommen werden: Die Telekom kann nur dann ein Weltunternehmen werden, wenn der Kleinaktionär mitgeht.

Dabei ist die Telekom auf einen Vertrauensvorschuß angewiesen.Denn immer noch verliert das Unternehmen im Inland Marktanteile an aggressive Konkurrenten wie Mannesmann und Mobilcom.Im Ausland, dem eigentlichen Wachstumsmarkt, konnte die Telekom bis heute nicht richtig Fuß fassen.Das Geschäft mit Telefon-Dienstleistungen für internationale Konzerne - Experten beziffern das Marktvolumen auf jährlich bis zu 120 Milliarden Mark - ist fast vollständig in den Händen der amerikanischen und britischen Konkurrenz.

Jetzt das Vertrauen der Aktionäre für den zweiten Börsengang zu gewinnen, ist nicht einfach.Am Freitag wird die Bandbreite bekanntgegeben, in der sich der Ausgabepreis der neuen Aktien bewegen wird, Ende Juni sollen die 286 Millionen neuen T-Aktien auf den Markt kommen.Dabei kann das Unternehmen noch nicht einmal sagen, wozu es den Verkaufserlös von mehr als 20 Milliarden Mark verwenden wird.Vertrauensbildend ist das nicht gerade.Doch eine Verschiebung der Kapitalerhöhung kommt jetzt, Italien-Desaster hin oder her, nicht mehr in Frage.Denn vom Jahr 2000 an wird der Finanzminister die staatlichen Telekom-Anteile verkaufen.Damit ist eine T-Aktienschwemme ist absehbar.Für Ron Sommer heißt das: Kapitalerhöhung jetzt oder nie.

Das Tempo der Entwicklung mag den Kleinaktionären nicht geheuer sein.Doch die Telekom muß schneller werden, wenn sie auf dem Weltmarkt gegen Konkurrenten wie AT & T oder British Telecom bestehen will.Schneller vielleicht, als es die Rentiers, Witwen und Waisen, Studenten und Studiendirektoren, die das Papier im ersten Anlauf gekauft haben, gerne hätten.Doch die Telekom braucht einen Vertrauensvorschuß für ihren Weg.Sie hat ihn verdient.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar