Deutsche und Polen : Den Ball flach halten

Mit Vorurteilen kann man Auflage machen – und seinen Ruf ruinieren. Das alltägliche deutsch-polnische Miteinander straft Zeitungen wie "Fakt" und "Super Express“ ohnehin Lügen.

Gerd Appenzeller

Doch, doch, Fußball ist auch schon mal Auslöser eines richtigen Krieges gewesen, nicht nur eines der bösen Worte und Karikaturen, sondern mit blutigen Kämpfen und vielen Toten. 1969 war das, nach der von Honduras gegen El Salvador verlorenen WM-Qualifikation. Aber da kam vorher auch einiges andere zusammen, vor allem an sozialem Sprengstoff, und der 3:2-Sieg der Salvadorianer diente nur als letzte Ermutigung für den Einsatz des Militärs.

So weit sind wir nicht, nicht zwischen Polen und Deutschland, und waren es auch nie, wenn England gegen Deutschland antreten musste, oder Dänemark oder Holland oder Frankreich. Aber die martialische Sprache gehört zum Fußball dazu, die Trainer benutzen sie, die Spieler, die Fans, die Medien. Früher mehr als heute, die Zivilgesellschaft hat längst auch die Herrschaft über das Vokabular der Kicker angetreten. Aber Begriffe von A wie Angriff bis Z wie Zangenbewegung sind eben auch spiel-immanent. Manchmal allerdings siegt nicht der Bessere, sondern Vergangenheit und Geschichte über die Gegenwart. Londoner Boulevardzeitungen haben deutsche Fußballer gerne als Hunnen tituliert und überhaupt nicht begriffen, dass das in Deutschland jemanden aufgeregt hat. Wahrscheinlich sollten wir das wirklich nicht so wichtig nehmen. Vermutlich ist es ebenso falsch, sich zu grämen, weil ein polnisches Blatt minderen Anspruchs die abgeschlagenen Köpfe von Ballack und Löw als vom eigenen Trainer präsentierte Beute auf die Titelseite bringt. Man muss sogar selbstkritisch fragen, ob der Vorwurf einer möglichen deutsch-österreichischen Kungelei zu Lasten Polens wirklich völlig aus der Luft gegriffen ist. Schließlich haben die beiden das schon einmal praktiziert, 1982 im spanischen Gijon bei der WM. Algerien war das Opfer dieser Schandtat.

Die Vergangenheit holt einen eben gelegentlich ein. Deutschlands Nachbarn haben im letzten Jahrhundert nicht die allerbesten Erfahrungen mit dem großen Land in der Mitte des Kontinentes gemacht. Dass die Täter schneller zur Tagesordnung übergehen als die Opfer, ist nicht neu. Davon abgesehen, sollten wir uns langsam daran gewöhnen, dass große Nationen – was hier quantitativ gemeint ist – von den Kleineren immer mit Argwohn beobachtet werden. Nach diesem Verhaltensmuster reagieren die Deutschen ja auch ihre Komplexe gegenüber den USA ab, indem wir die Amerikaner unsere vermeintliche moralische Überlegenheit spüren lassen. Nur ist Polen eben keine kleine Nation, und Zeitungen wie „Fakt“ oder „Super Express“ beleidigen mit dem, was sie tun, das Ansehen des Landes, in dem sie erscheinen.

Die meisten Polen ärgern sich darüber. Marek Prawda, ihr Botschafter in Berlin, hat das auf den Punkt gebracht, als er von einer idiotischen Geschmacklosigkeit sprach. Im Journalismus sollte eben noch viel weniger als in anderen Lebensbereichen die Devise gelten, dass der Zweck die Mittel heiligt. Mit Vorurteilen kann man Auflage machen – und seinen Ruf ruinieren. Das alltägliche deutsch-polnische Miteinander straft „Fakt“ und „Super Express“ ohnehin Lügen.

Wenden wir uns somit den wichtigen Dingen zu. Heute spielt in Klagenfurt Deutschland gegen Polen. Die Polen haben gegen Deutschland noch nie gewonnen. Das wollen sie ändern. Wir wollen, dass es so bleibt. Kleiner Hinweis zum Schluss: Die Nationalmannschaften treten gegeneinander an, nicht die Völker.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar