Deutsche und Russen : Schlüssel zur Einheit

Die Petersburger Gespräche haben gezeigt: Bundeskanzlerin Merkel lässt im Blick auf Russland walten, was Vorgänger Schröder im Verhältnis zu den USA erkennen ließ - Distanz. Merkel ist heute Botschafterin eines amerikanisch geprägten Westens gen Osten und Schröder Botschafter der im Osten um Dominanz kämpfenden Russen gen Westen. Kann das gut gehen?

Stephan-Andreas Casdorff

Die Einheitsfeiern sind vorüber, vieles an Erinnerung ist wie vom Winde verweht. Wem sollten wir noch einmal dankbar sein? So lange her … Diese Woche, die zum 3. Oktober führte, zu dem Tag der Deutschen, angefüllt mit Krisen in der Welt und Dialog in Petersburg, hat den Weg zurück gezeigt – und nach vorn. Petersburg, Leningrad früher, als Ort des Erkennens, sowohl im Blick nach Westen als auch nach Osten. Und dabei zeigt sich in beiden Richtungen: Kalten Krieg gibt es nicht. Es regiert kontrollierte Kühle.

Was hat sich George W. Bush nicht alles anhören müssen. Was muss sich Dimitri Medwedew nicht alles sagen lassen. Doch wissen diese beiden Präsidenten, wissen alle im außenpolitischen Geschäft – das es immer war –, wie eng das Schicksal der Länder miteinander verbunden ist. „Interdependenz“ versus „Dominanz“, so klang das offiziell zum Beispiel. Chiffren sind das, technische, die Diplomaten und Regierungschefs Räume eröffnen, in denen sie Gesten, aber auch neue Politik versuchen können. Sie sind längst dabei.

Das Lächeln der Angela Merkel, als Medwedew sagt: Die Interdependenz ist unumkehrbar, ist nicht zu reduzieren auf Produzenten und Verbraucher. Da weht doch jeden wieder die Erinnerung an. Das Lächeln des Dimitri Medwedew, des Bären, als er sagt: Die Schlüsselkooperation ist die mit Deutschland und mein Dialog mit Merkel. So ist es heute. Und erinnert daran, wie damals der Schlüssel zur Einheit im Kaukasus lag.

Nach Westen, nach Osten, nach vorn. Was Gerhard Schröder im Amt des Kanzlers als gelernter, geborener Atlantiker im Verhältnis zu den USA erkennen ließ, lässt heute Merkel, die ostdeutsche Kanzlerin, im Blick auf Russland walten: Distanz. Beide haben sie geschaffen, wann und wo sie es für geboten hielten. Schröder rückte von den USA ab, als die Krieg gegen den Irak begannen, Merkel von Russland, als es zum Krieg gegen Georgien kam. Das war, je zu seiner Zeit, richtig.

Es geht nicht um Äquidistanz, um den gleichen Abstand nach Westen wie nach Osten; das wäre ein Rückfall in graue Vorzeiten. Stattdessen geht es um eine Haltung, die das gewachsene neue Deutschland kennzeichnet. Positiv gesehen, haben beide auf ihre Weise Selbstbewusstsein deutlich gemacht. Das große, wiedervereinigte, souveräne Land kann so Orientierungsmacht in Europa werden. Das ist das, was Merkel möchte und Schröder immer wollte. Dafür muss es Pfeiler der transatlantischen Freundschaft und Ausgangspunkt einer Brücke zur russischen Führung bleiben.

Einer Führung, die passenderweise aus Petersburg stammt, dem Ort des institutionalisierten Dialogs. Hier hat Merkel kurz vor diesem 3. Oktober von der Vertrauensbasis von 1990 gesprochen. Und vielleicht, weil sie aus Schröders Fehlern gegenüber den USA gelernt hat, wählt sie andere Töne; weil sie, wie umgekehrt ihr Vorgänger, weiß, wo sie Russland tief treffen kann, redet sie klar, aber weniger schmerzhaft. Wenn dem Krieg im Kaukasus keine jahrelange Krise mit dem Westen folgen sollte – wem werden die Russen dann wohl dankbar sein?

Merkel ist heute Botschafterin eines amerikanisch geprägten Westens gen Osten und Schröder Botschafter der im Osten um Dominanz kämpfenden Russen gen Westen. Das kann gut gehen. Wenn es hilft, sollten beide noch einmal Schostakowitschs Leningrader Sinfonie aus Weltkriegszeiten hören. Zur Erinnerung.

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