Deutsche und Türken : Die Richtung geht verloren

Der türkische Premier Erdogan empfiehlt die Einrichtung türkischer Gymnasien in Deutschland. Mit provokativer Nonchalance zielt er zum wiederholten Male auf den gleichen Punkt. Der Vorschlag wird hierzulande zurückgewiesen. Zu Recht, wie Tissy Bruns meint.

Deutschland ist kein klassisches Einwanderungsland, hieß es beim Abschied von der deutschen Lebenslüge, die Millionen Menschen noch „Gastarbeiter“ nannte, als die Enkelkinder der Zugewanderten in Duisburg oder Berlin schon eingeschult wurden. Die Formel hatte eine innere Wahrheit: Einwanderung hat ihre eigenen Gesetze, wenn sie, anders als früher in Kanada oder den USA, die von Minderheiten ist, die auf eine selbstverständlich tonangebende Mehrheitsgesellschaft treffen.

Recep Tayyip Erdogan empfiehlt kurz vor dem Besuch der Bundeskanzlerin in der Türkei die Einrichtung türkischer Gymnasien in Deutschland. Der Vorschlag wird in Deutschland zurückgewiesen, einhellig und zu Recht. Das hat der türkische Ministerpräsident vorher gewusst. Doch mit provokativer Nonchalance zielt er zum wiederholten Male auf den gleichen Punkt. Der in die EU strebende Modernisierer braucht eine Projektionsfläche für die immensen türkischen Widersprüche auf diesem Weg. Und die sieht und findet sein Instinkt in den Schwächen der europäischen Demokratien mit der Migration. Deutschland ist dafür offenbar besonders geeignet. Kein anderes Land hat Erdogan so oft bereist. 2008 hat er in Köln im Stil einer Parteitagsrede Integration empfohlen und im gleichen Atemzug die hier von niemandem verlangte Assimilation demagogisch ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ genannt.

Die „klassische“ Einwanderungsgesellschaft ist die von gestern. Längst ist Deutschland ein typisches Land moderner Zuwanderung. Und wie seine westlichen, nördlichen und südlichen Nachbarn ist es mit seinen Antworten von der Höhe der Zeit weit entfernt. Diese Migration hat eine eigene Ambivalenz. Die Mobilität ist ungeheuer gewachsen, doch sie hat dabei, wie es scheint, ihre eindeutige Richtung verloren. Während der europäische Auswanderer in Amerika auf Gedeih und Verderb nach vorne blicken und sein Glück in den neuen Verhältnissen suchen musste, bleibt der Migrant von heute zwischen Herkunft und Neuland, Vergangenheit und Zukunft hoch beweglich und gefangen.

Es ist verführerisch, das „türkische Gymnasium“. Es verspricht Bewegung, Erfolg, Heimat und Tradition zugleich, als seien die Verheißungen von Fortschritt und Moderne zu haben, wenn alle gehen, wohin der Wind sie weht, aber dabei bleiben, wie sie sind: ein Heilsversprechen für die globalisierte Nomadenwelt. Diese Suggestion ist viel eindringlicher als der vordergründige Machtanspruch, mit dem sich der türkische Ministerpräsident anmaßt, auch der Repräsentant von Franzosen, Niederländern oder Deutschen zu sein, die einmal aus der Türkei gekommen sind.

Es waren und sind die Enkel von Migranten aus der Türkei, die oft genug mit so schlechten Deutschkenntnissen in die Schule kommen, dass ihr Weg in die Sackgasse schon in der ersten Klasse besiegelt wird. Sie sind Opfer der Illusionen von Bewegung ohne Veränderung, die ihre Eltern meist hilflos, die religiösen und politischen Führer in der Türkei oft genug sehr machtbewusst pflegen. Ihre Richtung aber hat die moderne Migration verloren, weil die Mehrheitsgesellschaften selbst vergessen haben, dass individuelles Menschenrecht und Demokratie eine unübertreffliche Orientierung für Menschen sind, die aufbrechen, um anderswo ihr Lebensglück zu machen.

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