Deutsche und Türken : Nachbarn, gerade deshalb

Gerd Appenzeller

Deutschland ist von mehr Nationen umgeben als jeder andere europäische Staat. Mit allen leben wir seit vielen Jahrzehnten in Frieden, aber das Verhältnis zu einigen ist, wegen der Schatten der Vergangenheit, weniger entspannt als zu anderen. Zu keinem Land aber, das nicht einmal ein direkter Nachbar ist, sind die Beziehungen immer wieder so emotional, so voller Vorurteile und so wenig rational wie zur Türkei, und keine von beiden Seiten ist von diesem Auf und Ab der Gefühle frei.

Das spüren wir in diesen Stunden der Trauer um neun bei einer Brandkatastrophe in Ludwigshafen ums Leben gekommene Mitbürger aus der Türkei ganz besonders. Stunden, in denen wir nicht wissen, ob ein Unglück, technisches Versagen oder Brandstiftung Auslöser des furchtbaren Geschehens gewesen ist, in denen aber türkische Medien die schuldhafte Verstrickung deutscher Rechtsextremisten oft schon als gegeben annehmen und dementsprechend die Wut unter den Türken schüren.

Leider ist die Liste widerlicher deutscher Angriffe auf von Ausländern bewohnte Häuser zu lang, um die Möglichkeit eines neuen Gewaltexzesses verneinen zu können. Die Städtenamen Mölln, Hoyerswerda, Solingen oder Rostock stehen für die schlimmsten davon, und immer wieder waren Türken betroffen, sehr oft solche, deren Familien schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben. 2,7 Millionen sind es insgesamt, jedes Jahr erhalten zwischen 30 000 und 45 000 von ihnen, vorwiegend junge Menschen, auf eigenen Wunsch die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Bundesrepublik, die Jahrzehnte das Eingeständnis verweigerte, ein Einwanderungsland zu sein, holte ihre Eltern einst als Arbeitskräfte hierher. Ob es Deutschen und Türken nun gefällt oder nicht: Auch wenn beide Länder geografisch keine Nachbarn sind, müssen sie sich schon alleine wegen dieser großen Zahlen nachbarschaftlich miteinander arrangieren.

Beide Seiten machen sich das nicht leicht. Die in den Großstädten Ankara oder Istanbul wohnenden Türken werfen vielen ihrer in Deutschland lebenden Landsleute vor, sie seien rückständig. Tatsächlich sind sie von Arbeitslosigkeit unverhältnismäßig oft betroffen, weil es ihnen an sprachlichen oder schulischen Voraussetzungen für eine berufliche Qualifizierung mangelt. Das haben sie sich zum Teil selbst zuzuschreiben, zum Teil haben die Behörden erst durch die wachsende Jugendkriminalität in Migrantenkreisen gemerkt, dass die deutschen Integrationsbemühungen völlig unzureichend waren. Erleichtert werden sie nicht: Der 13-jährige Türke, der seine deutschstämmigen Mitschüler als Schweinefleischfresser und die Mädchen als Schlampen tituliert, hat das zwar irgendwo her – aber dass die so Angeredeten ihm jemals eine helfende Hand reichen werden, kann man ausschließen.

Außerdem schlagen innertürkische Konflikte nach Deutschland durch. Dass sich die muslimische Glaubensgemeinschaft der Aleviten, zu der die in Ludwigshafen Umgekommenen gehörten, gegen eine Instrumentalisierung der Brandkatastrophe wehren, ist ein Zeichen dafür, das Ringen der Türkei um einen gesellschaftspolitischen Kurs zwischen Europäisierung und Re-Islamisierung ein anderes. Unstrittig ist, dass sich Minderheiten den Spielregeln der demokratisch verfassten Mehrheitsgesellschaft fügen müssen. Dazu gehören aber beidseitiger Respekt und die Achtung der Menschenwürde. Für Ausländerhass darf es so wenig wie für Inländerhass Raum geben.

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