Zeitung Heute : Deutsche Welthungerhilfe: Im Namen der Armen - Ingeborg Schäubles Kampf

Stephan-Andreas Casdorff

Senegal, Äthiopien, Afghanistan, Nordkorea, Kirgistan - sie scheut die Reisen unter schwierigen Bedingungen nicht. Nur macht sie nicht so viel Aufhebens darum, das würde auch nicht zu ihr passen. Die Aufmerksamkeit der Medien, die sie sich schnell sichern könnte, wenn sie wollte - "die ertrage ich", sagt Ingeborg Schäuble.

Natürlich, ihr Name. Sie ist die Ehefrau von Wolfgang Schäuble, und den kennt in der Bundesrepublik ja fast jeder, nach Jahrzehnten in verschiedenen Ämtern und jetzt, ein Jahrzehnt nach dem Attentat. Aber seine Frau Ingeborg ist auch die Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe, und das erfahren inzwischen immer mehr. Seit 1996 ist sie im Amt, und sie füllt es aus, wie es ihr entspricht: beharrlich, ruhig, unspektakulär im Gestus. Dabei betrug, dies als Beispiel, das Spendenvolumen in ihrem ersten Jahr 39 Millionen Mark, drei Jahre später waren es 60 Millionen. Spenden einzuwerben für Hilfsprojekte, das zählt - so sieht es Ingeborg Schäuble.

Die Woche der Welthungerhilfe hat begonnen, und deshalb werden jetzt viele von der Präsidentin Notiz nehmen. Gebührend. Eine zierliche Frau in den Fünfzigern ist sie, mit einem schmalen Gesicht, im dem Leben zu lesen steht. Blaue Augen, die einen sehr direkt anzuschauen verstehen, und eine Stimme, die jung klingt. Mit badischem Tonfall, der verrät, dass sie aus Freiburg kommt. Dort hat Ingeborg Hensele auch Wolfgang Schäuble kennen gelernt, in der Mensa der Unversität, als sie Volkswirtschaft studierte und er Jura. Das war 1968, ein Jahr später waren die beiden verheiratet. 68-iger im revolutionären Sinne waren sie nie.

Jetzt muss Ingeborg Schäuble zwangsläufig viel reden, aber sie wird trotzdem versuchen, ihrem stetigen Vorsatz treu zu bleiben: nichts Überflüssiges mitzuteilen. Darin ist sie ihrem Mann ähnlich. Und niemand soll versuchen, ihr eine Meinung aufzudrängen. Was sie zu sagen hat, sagt sie. Zum Beispiel vor einigen Jahren öffentlich, dass ihr Mann nach dem Attentat und dessen Folgen vielleicht besser nicht Bundeskanzler werden solle. Wie der auf solchen Freimut reagiert? Großzügig, sagt Ingeborg Schäuble.

1975 war sie wieder im Beruf, als Lehrerin für Wirtschaftsfächer, bis das dritte Kind kam. Danach hatte die Familie Vorrang, zumal 1981 das vierte Kind sich ankündigte. Gengenbach, die beschauliche Heimat der Familie, wurde ihre Welt. Nun, als Präsidentin, ist die Welt naturgemäß größer geworden. Aber so ist es in diesem Amt nicht alle Tage. Wenn sie reist, dann in erster Linie zu ihrem Schreibtisch nach Bonn.

"Für uns alle ein gemütliches Leben", hat sich Ingeborg Schäuble einmal gewünscht. Wenn ihr Mann zum Beispiel Professor geworden wäre, das hätte ihr besser gefallen. Viel besser. Aber wie das so ist, so banal: Nicht jeder Wunsch geht in Erfüllung, und dann fügt man sich drein. Schon 1972 kandidierte Wolfgang Schäuble für den Bundestag und wurde, damals überraschend, auch hineingewählt.

Dass sie an die Spitze der Welthungerhilfe berufen wurde, hatte sicher auch mit ihrem Namen und der Politik zu tun. Hinter den Kulissen wurde seinerzeit einige Male zwischen Opposition und Regierung gesprochen. Ein überparteilicher Job für die politische First Lady? Das war zwei Jahre vor der Bundestagswahl 1998, als noch alle dachten, Schäuble werde Kohl auch als Kanzler beerben können.

Aber sie war nie eine Hillary oder eine Hillu. Ingeborg Schäuble wird auch gehört, wenn sie nicht über ihren Mann redet. In Pjöngjang zum Beispiel. Die Funktionäre dort sahen in ihr am Anfang eher die Ehefrau. Sie aber wollte sich nur als Präsidentin äußern. Und blieb ruhig, beharrlich, bis auch die Nordkoreaner das akzeptierten.

Vor ihr war Helga Henselder-Barzel Chefin der Welthungerhilfe. Sie war resolut. Ingeborg Schäuble ist nicht minder bestimmt; aber nicht jeder empfindet sie als hart. Sie kann zuhören. Sie bringt es auf einen Satz: ."Ich kann ganz gut mit Menschen umgehen." Auch auf ihren Reisen. Und sie, die weltweit Armut bekämpfen hilft, zieht einen Gewinn daraus: die Erkenntnis, dass Zeit nicht das Maß aller Dinge ist, und Wohlstand auch nicht.

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