Deutscher Buchpreis an Ursula Krechel : Traum und Trauma

„Etwas Besseres als den Tod findest du überall“: Den berühmten Satz aus Grimms Märchen von den Bremer Stadtmusikanten nimmt der Protagonist des mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Geschichtsromans „Landgericht“ (Jung und Jung) von Ursula Krechel als Hoffnungszeichen. Selbst in der Situation fürchterlichster Bedrohung, als im Berlin der dreißiger Jahre die Entrechtung der Juden immer brutalere Formen annimmt, klammert sich die Familie des jüdischen Juristen Richard Kornitzer an die Märchenweisheit. Am Ende der bedrückenden Lebenserzählung, nachdem der Remigrant Kornitzer vergeblich um Wiedergutmachung gekämpft hat, ist freilich ungewiss, ob sich der Satz wirklich verifizieren lässt. Denn in ihrer akribischen Rekonstruktion eines jüdischen Emigrantenlebens hat Ursula Krechel eine Vielzahl beklemmender Einzelheiten zusammengetragen, die alle von der fortdauernden Traumatisierung des Exilanten handeln.

Ursula Krechel leuchtet sorgfältig noch in die verborgensten Winkel der Nachkriegsgeschichte und ihrer Vergangenheitsflucht. Es ist ein zwischen dokumentarisch verbürgten und fiktionalen Motiven oszillierender Roman über einen Emigranten, dessen Lebensgeschichte nie Eingang fand in einschlägige Geschichtswerke. In ihrem Anspruch auf schriftliche Beglaubigung einer Lebensgeschichte geht Krechel so weit, dem Leser auch die ödesten Schriftsätze in der Auseinandersetzung Kornitzers mit den verschiedenen Entschädigungsstellen zuzumuten. Im Buchhändlerkeller liest sie nun aus ihrem Werk. Michael Braun

Buchhändlerkeller, Do 31.1., 20.30 Uhr, 5 €, erm. 3 €

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar