Deutscher Fußball : Der Geist der Beine

Michael Rosentritt

Wenn die deutsche Fußball- Nationalmannschaft am Montag auf Mallorca mit einem Trainingslager in die Europameisterschaft startet, wird Michael Ballack fehlen. Der Kapitän hat einen unaufschiebbaren Termin. Am Mittwoch bestreitet der Sachse mit dem FC Chelsea das Finale um die Champions League gegen Manchester United. Man kann sagen: Michael Ballack steht momentan als Einziger für den ganz großen Fußball in Deutschland.

Um europäische Vereinspokale spielen deutsche Mannschaften seit Jahren nicht mehr. In Spanien, Italien und insbesondere England hat sich mehr internationale fußballerische Qualität versammelt. Trotzdem geht die Mannschaft von Joachim Löw, der gestern seinen EM-Kader nominierte, als Mitfavorit ins Turnier. Ein Widerspruch ist das nicht.

Die Bundesliga boomt wegen anderer Qualitäten. Deutschland hat dank der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren moderne und schöne Stadien. Die WM hat nicht nur die Infrastruktur verändert, sondern auch Menschen und Mannschaft. Die Nationalmannschaft hat eine neue, sympathische Mentalität. Ihr zuzusehen, macht wieder Spaß. Vorbei sind Zeiten, in denen Länderspiele als lästige Qual angesehen und bewältigt wurden. Immer mehr Mädchen und Frauen interessieren sich und spielen selbst Fußball – mehr als eine Million der 6,5 Millionen DFB-Mitglieder sind weiblich.

Das hat nicht damit zu tun, dass Joachim Löw sich stilsicher kleidet. Vielmehr ist es die Stilsicherheit, mit der er der deutschen Nationalmannschaft wieder zu Ansehen verhalf. In gewisser Weise liegt darin auch der Unterschied zu seinem wichtigen Vorgänger Jürgen Klinsmann. Als dieser nach der desaströsen EM 2004 Bundestrainer wurde, hatte er eine Idee, wie der Prototyp einer funktionierenden Mannschaft aussehen sollte; aber erst Löw, so darf man wohl sagen, hat ihn zur Serienreife entwickelt.

Kein anderes Land des Kontinents hat sich so früh für die anstehende EM qualifiziert. Kein anderes Team hat den Übergang in den Alltag souveräner gemeistert. Nicht Weltmeister Italien und auch nicht der Finalist Frankreich. Die Engländer sind erst gar nicht dabei.

Es sind nicht die Siege, die Löws Mannschaft zum Mitfavoriten machen. Auch nicht das personelle Reservoir. 38 Spieler sind zum Einsatz gekommen unter Löw, davon 16 Neulinge, und seit gestern kommen in Marko Marin und René Adler zwei Spieler hinzu, die bisher kein einziges Länderspiel bestritten haben. Die Nationalmannschaft ist in der Breite gewachsen. Aber für den Titel braucht es Entwicklung in der Spitze.

Diese Qualität erlernen die Spieler nur bedingt in der Bundesliga. Die Mängel sind bekannt: zu geringes Tempo, dilettantisches Zweikampfverhalten. Vor allem fehlt es an Konzepten, nicht am Geld. St. Petersburg, das den Uefa-Cup gewann, hat einen Etat von 40 Millionen Euro. Das ist unterer Bundesliga-Schnitt.

Klinsmanns Wirken war ein Projekt. Löw wirkt strategisch, nachhaltig. Der deutsche Fußball lebt nicht von Projekten, sondern von grundlegenden Änderungen. Das ist harte Arbeit. Die Nachhaltigkeit, für die Löw steht, ist die eigentliche Leistung. Bis zur WM herrschte die Erkenntnis vor, dass man Spieler kurzfristig besser machen kann, indem man ihr Selbstbewusstsein stärkt. Löw ist es gelungen, jeden einzelnen Spieler und damit die Gruppe auf ein höheres Niveau zu heben. Die deutsche Elf funktioniert wieder als Gebilde. Die Spielphilosophie ist verinnerlicht, das Team wirkt emanzipiert. Am Ende aber geht es um die Qualität jedes Einzelnen.

Dass deutsche Klubs nicht oben ankommen, hilft dem Bundestrainer nicht, aber es zerstört seine Arbeit auch nicht. Weder der FC Bayern noch Bremen oder Schalke, sondern die Nationalmannschaft ist Deutschlands fußballerisches Aushängeschild. Die deutsche Elf ist noch lange nicht auf der Überholspur, aber sie ist wieder wer. Den Respekt, der ihr im Ausland entgegengebracht wird, hat sie sich durch Leistungen verdient. Es gab schon mal schlechtere Vorzeichen vor einer Europameisterschaft.

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