Zeitung Heute : Deutscher Medienpreis: Nelson, Gerhard, Bill und Karlheinz

Bernd Matthies

Das Ding, um das sich der Abend dreht, ist so schwer zu beschreiben wie die Veranstaltung selbst. Ein abstrakter weißer Porzellanengel, vielleicht 40 Zentimeter hoch, mit ein paar goldenen Schnörkeln und einer knallroten Brezel an der Hüfte - nur ein grober Eindruck aus der Entfernung. Denn die Sicherheitsleute, die Gerhard Schröder, den Empfänger des deutschen Medienpreises, beschützen, lassen niemanden näher heran an die Statue; die Sicherheitsleute von Nelson Mandela, der Schröder gerade herzlich umarmt, sind noch viel schärfer, von Bill Clintons kantigen Bodyguards gar nicht zu reden. Aber ist der Preis überhaupt von irgendeiner Bedeutung? Hier im Kongresshaus Baden-Baden ist die Sicherheitsstufe "Eins A plus" einfach deshalb ausgerufen, weil sich drei Berühmte und ungefähr 100 äußerst Wichtige getroffen haben, um erneut ein Vorurteil zu widerlegen: dass der Deutsche Medienpreis ein sinnfreier Unfug sei, gegründet allein zum Ruhm seines Stifters Karlheinz Kögel.

Champagner und Saltimbocca

Kögel, der umtriebige Medien- und Reise- und Sonstwas-Mogul aus dem Nordschwarzwald, der Herr der Quotenmessmaschine Media Control, hat das alles schon tausend Mal gehört. "Ich weiß, Sie tun sich schwer damit, weil es nicht Aufgabe der Journalisten ist, Leute auszuzeichnen", sagt er vorher zu den Reportern im Kongresshaus-Keller, und die nicken zustimmend. Aber hat er nicht Jelzin und Arafat, Kohl und Mitterrand und jetzt auf einen Schlag eben Clinton und Mandela und Schröder ins Baden-Badener Kongresshaus bekommen? Ist nicht die Verleihung dieses Preises weltweit praktisch das Einzige, über das sich Helmut Markwort, "Focus", und Stefan Aust, "Spiegel", einig sind? Schlagen sich nicht die Schönen und Einflussreichen alljährlich darum, einen der 100 rot markierten Sitze einnehmen und anschließend bei Champagner, Steinpilztortellini und Putenbrust-Saltimbocca ungestört plaudern und netzwerken zu dürfen? Kögel selbst ist ja nicht einmal unbescheiden bei der Bewertung seiner kleinen Veranstaltung: "Es wird noch lange dauern, bis wir durchgesetzt haben, was hier abgeht, dass hier nämlich Leute über Verlagsgrenzen hinweg, und ohne an Konkurrenz zu denken, miteinander reden."

Der Satz an sich ist noch viel länger, verendet aber unzitierbar im sinnfreien Raum, denn Kögel ist müde, hat sieben Wochen lang für den Preis geackert und gerade ein Mittagessen mit seinem Freund Bill hinter sich, Spaghetti mit Ziegenkäse und rotem Pfeffer. "Bin ich jetzt released?", kauderwelscht er erschöpft, kann ich jetzt abhauen? Abends, als es dann richtig losgeht, sitzt er nervös am Podium zwischen den drei Ultra-Prominenten und hat noch eine Plastikkarte vor der Brust, so, als würden sie ihn sonst womöglich aus dem Saal werfen. Nelson, Gerhard, Bill, Karlheinz.

Gerhard Schröder, wer sonst, ist der Mann der Stunde. Kögel hat die Sache erstmals nicht mit sich selbst geregelt, sondern einer Jury von Chefredakteuren ein Dutzend Vorschläge gefaxt. Der Kanzler, klar, lag vorn, weil er "ein neues Deutschlandbild geprägt hat und eine neue Form des Umgangs mit Menschen, Medien und der Macht zeigt". Er sei im Amt gewachsen, beweise Talent zur Integration und habe an außenpolitischem Gewicht gewonnen, heißt es. Für den Abend bedeutet diese Entscheidung eine Art Personalunion von Wurst und Speckseite. Denn der Kanzler fühlt sich wohl unter Chefredakteuren, und sie mögen ihn dafür, dass er sie das spüren lässt, und noch mehr dafür, dass er sie von der Last Helmut Kohls befreit hat, gleich einem Pfarrer, der plötzlich im Folterkeller das Licht anmacht. Harmonie strahlt bis in die letzten Reihen, wo die Schüler des örtlichen Gymnasiums zum Heiligen Grabe sitzen; Kögel lobt Schröder und Clinton und Mandela, Mandela lobt Schröder und Clinton, und so darf man es fast als Geniestreich einstufen, dass die eigentliche Laudatio ausgerechnet in die Hände des "FAZ"-Herausgebers Frank Schirrmacher gefallen ist, der sich so effektvoll und geistreich zu winden vermag, dass auf lichte Weise etwas am Ende sehr Rätselhaftes entsteht.

"Lieber, sehr geehrter und verehrter Herr Bundeskanzler", sagt Schirrmacher heimtückisch, räsoniert ein wenig über die Schwere seiner Aufgabe und verdrückt sich dann rasch in ein Feuilleton zur Genese des Herrscherlobs, angefangen bei Vergil und Horaz. Walther von der Vogelweide habe von den Mächtigen für seine Lobpreisungen noch Häuser und Juwelen verlangt, sagt er, "uns würde heute schon die Abschaffung der Ökosteuer reichen." Dann doch noch ein Lob, nur ganz sanft vergiftet: Schröder, immerhin, habe "allen Fehlern zum Trotz" eine neue Modernität ins Land gebracht und die international verbreitete Angst vor der Hegemonie eines neuen Berlins "im Nichts aufgelöst".

Der Gemeinte keilt mit ein paar rhetorischen Handkantenschlägen zurück und wundert sich über eine "Laudatio mit neun Zehnteln ohne ein Wort über den zu Ehrenden". Und lobt sich dann, was soll er machen?, einfach selbst. Der Preis sei "ganz und gar verdient", und er könne der Jury zu ihrer Entscheidung nur gratulieren. Bitte? Das Publikum hält den Atem an: Welchen selbstironischen Ausweg wird der Redenschreiber gefunden haben? Doch es gibt keinen Ausweg, Schröder will gar keinen. Er sei sehr gern ein Medienkonsument und sehr gern ein Medienzulieferer, ja, er sehe sich sogar selbst gern im Fernsehen. Und "Medienkanzler" sei in der Demokratie ja auch nicht unbedingt was Schlechtes, nicht wahr?

Dafür versucht es Bill Clinton mit ein wenig Selbstironie. Er ist gekommen, um die Dankesrede des letzten Jahres nachzuholen, für die er damals keine Zeit hatte, und er beneidet seinen Freund Gerhard um die Zuneigung der Presse: In Amerika seien sie doch sehr erstaunt, dass er, Clinton, ausgerechnet einen Medienpreis bekommen habe, vielleicht fürs Überleben? Dann wird es ernst, der Ex-Präsident schwenkt abrupt auf das Elend in der Welt um, dem er offenbar künftig seine Zeit widmen will, wie so viele Ex-Mächtige, die sich im Amt dummerweise immer um die anderen Sachen kümmern mussten. Er fordert Schuldenerlasse, ökologische Treibstoffe, Geld für Bildung und Gesundheit, appelliert an die Pharma-Konzerne, ihre Aids-Medikamente billiger herzugeben. Das alles, sagt er, sei für "Peanuts" zu haben, "we can pay for that, and it will be paid back." Das ist die Stelle, wo manch Eingeladenem einfällt, dass er viel Geld gespart hat, denn das Anhören der Langfassung von Clintons Rede - Dienstag in Den Haag, Donnerstag in Kopenhagen - ist sehr, sehr teuer. Nach Baden-Baden sei der Ex-Präsident aber gegen Unkostenerstattung gekommen, schwört Kögel, und auch der Preis ist ja, vom Brezel-Engel abgesehen, undotiert. Noch eine schnelle Wendung zu Max Weber und seinen dicken Brettern, die die Politik bedeuten - dann ist Bill Clinton schon am Ende angelangt. Gruppenfoto!

Nach der Pflicht die Party, also die Hauptsache. Ins benachbarte Restaurant führt ein überdachter roter Teppich, die Presse bleibt draußen. Da dieser Zustand manchem Prominenten den ganzen Abend verderben könnte, hat es schon vor Beginn im Foyer des Kongresshauses ein kleines Defilee gegeben. Allen voran Dieter Thomas Heck, ein echter Profi, der alle Tricks kennt.

Sabrina ist da, Boris nicht

Wer als Erster kommt, wird als Erster fotografiert, und so lächelt von den großen Bildschirmen mit den Ehrengästen immer wieder und vor allem das Ehepaar Heck, gefolgt von Heidi Klum, jenem Model, das die Fotografen einfach Heidi rufen dürfen. Reinhold ist Herr Beckmann, Herr Kerner hört auf den Namen Johannes, und Veronica Ferres lächelt lieb auch ganz ohne Zuruf. Sabrina Setlur ist gekommen, Boris Becker (deshalb?) nicht, Doris Schröders Abwesenheit liegt am Schnupfen.

Unten im Pressezentrum gibt es Kartoffelsuppe und Butterbrezeln. Erst am nächsten Morgen zeigt uns die Website von Media-Control kleine Bilder einer rauschenden Baden-Badener Nacht, die offenbar ganz wohl erzogen war: Bill Clinton im Gespräch mit Veronica Ferres ist schon das mit Abstand Verworfenste im Angebot. In Baden-Baden, der armen reichen Pensionärs-Metropole, ist längst wieder die kurärztlich verordnete Ruhe eingekehrt, die Jets haben abgehoben, in Brenners Park-Hotel ziehen sie die Laken ab. Die Stadtoberen beglückwünschen sich ein weiteres Mal dafür, dass sie den Kögel mit seinem verrückten Preis haben, und sie fragen sich, wie es wohl weitergehen mag im nächsten Jahr. Ein begnadeter Forscher? Ein Künstler? Oder, Steigerung muss sein, der Papst? Zum finalen Höhepunkt, so scheint es, muss sich Stifter Kögel den Preis wohl selbst verleihen. Warum auch nicht? Hauptsache, hinterher ist Party.

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