Zeitung Heute : Deutscher Tango

Die Argentinier spielen kontrolliert sachlich. Um sie zu schlagen, braucht es vor allem eins – Leidenschaft

Armin Lehmann

Heute spielt Deutschland im Viertelfinale gegen Argentinien. Mit welcher Spieltaktik kann die deutsche Elf gewinnen?


Zunächst einmal durch Videos gucken. Davon fallen zwar noch keine Tore für Deutschland, aber man kann was lernen. Zum Beispiel vom Finale der Südamerikameisterschaft, der Copa America, aus dem Jahre 2004 zwischen Argentinien und Brasilien. Das Spiel ist deshalb so lehrreich, weil die Argentinier ihren wohl besten Fußball spielten – technisch perfekt, kontrolliert, schnell –, aber verloren. Lange stand es 1:1 zwischen beiden Teams, und Brasilien war gar nicht nach Samba zumute, weil ihr Erzfeind das Spiel komplett beherrschte. In der 87. Minute fällt das erlösende 2:1 für Argentinien, doch Sekunden vor dem Abpfiff schießt Adriano plötzlich nach einem langen Ball durch die argentinische Deckung hindurch den Ausgleich. Für einen winzigen Augenblick hatte Argentinien die Kontrolle über das Spiel verloren. Das verwirrte sie so, dass die Mannschaft in der Verlängerung nichts mehr zustande brachte und am Ende 4:6 nach Elfmeterschießen gegen Brasilien verlor.

Es ist der Verlust von Kontrolle, den die Argentinier am meisten fürchten. Normalerweise geben sie diese Kontrolle nicht her. Es sei denn, sie sind ungewohnt unkonzentriert wie nach dem 2:1 gegen Brasilien. Oder die Kontrolle wird ihnen genommen. Das Beispiel von der Copa America ist für das heutige Viertelfinale deshalb lehrreich, weil Argentinien so unglaublich stark spielte. Soll heißen: Selbst wenn Argentinien heute einen super Tag erwischt und die Deutschen dominiert – es gibt immer Augenblicke, die alles verändern können. Die Argentinier sind auch dann zu schlagen, wenn sie ihren besten Fußball spielen.

Die zweite Chance ist, zugegeben, mit ungeheuer viel Arbeit verbunden und setzt voraus, dass die Deutschen selbst einen hervorragenden Tag erwischen. Man denkt immer, Südamerikaner müssten leidenschaftlich und mit viel Zauberei Fußball spielen. Die Argentinier spielen äußerlich das Gegenteil von leidenschaftlich, deshalb ist ihr zweites Lieblingswort neben Kontrolle „Sachlichkeit“. Auch mit dieser Einstellung lässt sich Fußball übrigens zelebrieren. Es ist dann nicht der einzelne Spieler, der einen tollen Trick vollbringt (das können die Argentinier auch), sondern die ganze Mannschaft wirkt unangreifbar. Wenn sie den Ball mit ein oder zwei Berührungen so schnell, direkt und kombinationssicher spielt, dass daraus ein Tor entsteht, ohne dass auch nur ein Gegner vorher an den Ball kommt, dann ist das auch Zauberei.

Sachlichkeit bedeutet nur, dass die Argentinier jederzeit in der Lage sind, das Spiel zu dominieren – und in ihrem Sinne zu variieren. Statt schnell und direkt spielen sie auch mal quer und drosseln das Tempo, sie kühlen das Spiel ab, wenn es notwendig ist. Gegen die Elfenbeinküste und gegen Mexiko haben die Argentinier immer dann ihre Tore gemacht, wenn der Gegner am stärksten war. Das nennt man wohl kontrolliert. Und effektiv.

Mexiko hat aber auch gezeigt, wie man verhindert, dass Argentinien das Spiel bestimmen kann. Von Beginn an störten die Mexikaner den Gegner weit in dessen Hälfte. Waren sie selbst in Ballbesitz, wurde schnell und direkt nach vorne gespielt, denn dann offenbaren die Argentinier auch Schwächen. Ihr offensives Mittelfeld um Spielmacher Riquelme kommt beispielsweise nicht immer schnell genug zurück, so dass ausgerechnet in der Mitte vor dem Strafraum der Argentinier Räume offen waren. Die Mexikaner haben sie ein paarmal geschickt ausgenutzt und genaue Pässe auf ihre Stürmer gespielt. Normalerweise ist es gegen die Defensive der Argentinier zwar sehr schwer, sich Mann gegen Mann durchzusetzen. Doch bei schnellem Spiel muss sich vor allem Ivan Gabriel Heinze in der Innenverteidigung immer wieder mit Fouls helfen. Das wiederum ergibt Freistoßchancen.

Eine andere Variante, um den Argentiniern den Kontrollspaß zu nehmen, ist das konsequente Besetzen der Außenpositionen. Auch das haben die Mexikaner hervorragend gemacht, leider verletzte sich ihr bester Flankengeber schon in der ersten Halbzeit. Über außen zu spielen, bedeutet, dass die gute, alte Flanke noch immer ein gefährliches Mittel sein kann. Vor allem, weil die Argentinier nicht gerade die größten Abwehrspieler besitzen und auch Torwart Roberto Abbondanzieri immer mal für einen Fehler beim Herauslaufen gut ist.

Letztlich ist Fußball Psychologie. Beim Boxen beispielsweise geht es darum, den Gegner mit einem schmerzhaften Treffer zu beeindrucken und sein Selbstvertrauen zu erschüttern. Natürlich sollen die Jungs von Jürgen Klinsmann nicht Foul spielen, aber beeindrucken müssen sie den Gegner schon. Bisher hat es noch keine Mannschaft geschafft, den Argentiniern ihre Selbstsicherheit zu nehmen. Leidenschaft ist dafür schon mal sehr gut, Tore sind noch viel besser.

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