Zeitung Heute : Deutschland – Argentinien 5 : 3

Olympiastadion Berlin, 30. Juni 2006, 72 000 Zuschauer

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Am 10. Juni 1988 schleppte ein Vater liebe-, aber auch mühevoll drei leere Getränkekästen Hunderte von Stufen hinauf in den Fanblock 36 des Düsseldorfer Rheinstadions. Deutschland spielte im Eröffnungsspiel der EM 1988 gegen Italien, und mein Vater hatte uns am Vorverkaufshäuschen Karten für den Fanblock gekauft. In Sorge, wir könnten nichts sehen, stellte er uns auf die Kisten, wir waren flugs 1,80 Meter groß und schrien Deutschland zum 1:1.

Inzwischen hatte ich fünf Länderspiele gesehen, alle endeten 1:1. Das sechste 1:1 gegen Argentinien sollte anders werden. Es ging in die Verlängerung, ins Elfmeterschießen, mein erster Sieg – nicht nur deswegen fühlte sich der laue Freitagabend irgendwie historisch an. Es war anders als 18 Jahre zuvor.

Wer heute große Spiele sehen will, braucht mehr als einen Vater, eine Getränkekiste und einen gutmütigen Ordner, den man aus dem Ligaalltag kennt. Wer mehr Geld als Losglück hat und kein schlechtes Gewissen gegenüber Gesetz und Gattin, kann im Internet auf ominösen Schwarzmarktseiten Karten kaufen. So verkauft die norwegische Firma Euroteam seit 1993 Karten für große Events und hat zu fast allen WM-Spielen Tickets, die aus Kontingenten von Verbänden kommen und nicht personalisiert werden müssen. Die Übergabe erfolgt in einem sterilen Bürogebäude. Draußen lässt ein Sicherheitsmann mit Funkgerät wartende Fans einzeln ins Innere. Vierter Stock, keine Klingel, wieder ein Sicherheitsmann, ein leeres Büro, ein Norweger mit Sonnenbrille – und eine Karte für das ersehnte Spiel. So müssen sich Fans heute um Karten bemühen. Auch das erklärt die immense Aufregung vieler Fans vor dem Spiel.

Das Spiel war dramatisch, die Fans wie entrückt – die Stimmung war dennoch noch lange nicht weltmeisterlich. Während bei der EM 1988 die deutschen Fans im Fortuna-Stehplatz 36 postiert waren, verloren sich die Rufe im weiten Rund des Olympiastadions. Jeder schien zu schreien, aber einheitliche Gesänge und Rufe entstanden nicht. Den Deutschen fehlt es bei Länderspielen nicht nur an Liedgut-Repertoire, das über das „Öschlah, Öschlah“ hinausgeht. Vor allem fehlt der Block, der Stimmung macht, den die Fans aufsuchen – auch wenn sie anfangs noch Getränkekisten brauchen. Stefan Tillmann

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