Deutschland drumherum : Am Tag der Väter

Auf dem Bahnhofsvorplatz von Usti nad Labem ist eine Gruppe von jungen Männern, 23 Köpfe, etwas laut. Wenn sie die Paletten Bier, die bei ihnen stehen, noch schaffen wollen, haben sie sich eine gewaltige Aufgabe gestellt. Es ist Mittag am Fuße des Erzgebirges, und der ein oder andere junge Mann macht den Eindruck, als passe nicht mehr viel in ihn hinein.

Um sie zu fragen, zu welchem Behufe sie hier sind und warum sie so lauthals fröhlich sind und ob sie nicht lieber mit mir durch die schöne Landschaft wandern wollen, zu all den Fragen sind sie einerseits zu betrunken. Andererseits bin ich nicht mutig genug. Weil die jungen Männer zu schwarz gekleidet sind, weil fast alle kahlgeschoren sind, weil sie erkennbar Fans des Fußballklubs Dynamo Dresden sind, der ziemlich radikale und rabiate Fans hat. Und, verdammt noch mal, warum können Klischees nicht einfach Klischees bleiben, sondern müssen sich immer mal wieder bestätigen? Die jungen Männer kommen hörbar aus dem deutschen Bundesland ein paar Kilometer weiter westlich, in dem der Vatertag Herrentag heißt, der Tag also, an dem nicht nur Väter sich bemüßigt fühlen, sich bis zum Stillstand der Augen zu besaufen. Es ist wahrscheinlich wohlfeil, über die Sitten dieses Tages die Moralkeule zu schwingen, fürs Erste reicht es mir schon, dass die jungen Männer auf dem Bahnhofsvorplatz von Usti nad Labem nichts vom Wiedereinmarsch grölen, sondern nur ihre wohl noch nicht erworbene Vaterschaft ertränken.

Man erlebt bei so einer Umrundung Deutschlands durch die Nachbarländer, besonders, wenn ein großer Teil zu Fuß zurückgelegt wird, absonderliche Situationen. Die aus Usti nad Labem war meine bislang hässlichste. Die bisher skurrilste war die, als ich Ngo Van Huy traf. Der ist Vietnamese und sprach mich an, als ich in Frydlant, schon in Tschechien, auf der Straße stand, wahrscheinlich wollte er Zigaretten kaufen. Ich weiß es nicht, er sprach tschechisch. Das kann ich nicht. Auch kein Vietnamesisch. Woraufhin sich ein nettes Gespräch über Globalisierung ergab, dem zu entnehmen ist, dass es in Frydlant eine große vietnamesische Gemeinde gibt, aber nicht, warum. Es steht also ein Deutscher auf der Straße, mit einem Vietnamesen, der polnisch spricht, in einer Stadt, die lange zu Deutschland gehört hat, und unterhalten sich. „Vietnam, Touri?“, fragte er. „No“, sagte ich. „Germany, Touri?“ Huy sagte: „Yes.“ Und ging. War aber schön, dass man mal darüber geredet hat. Immerhin mehr, als mit den Dumpfbacken von Usti nad Labem.

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