Zeitung Heute : Deutschland, eine Fassade

Mal verschwinden plötzlich Häuser, mal Dächer oder Treppen. Mal liegt sie in Ost, mal in West, mal in den 40er Jahren: die Filmstraße von Babelsberg. Hier wurden „Herr Lehmann“ und die „Rosenstraße“ gedreht, „Der Pianist“ und „Sonnenallee“. Ein Blick hinter die Kulissen.

Nadja Klinger

Man kann Geschichten drehen und wenden, wie man will. Die Studiohandwerker rücken an. Sie bringen Stuck an die Fassaden, schmieden Balkongitter, tragen Patina auf. Sie wechseln Fenster aus, Türen und Straßenlaternen, die Bordsteine, das Pflaster. Sie kommen nochmal mit Farbe und noch einmal, bis es aussieht wie im Warschauer Ghetto. Ganze Häuser verschwinden. Die Handwerker zerstückeln sie und legen sie ins Gras. Dort lagern auch die Feuerleitern. Wenn sie die an die Fassaden des Ghettos schrauben, sieht es fast aus wie in New York.

Manchmal verschwindet ein Haus nicht ganz. Eine Ruine bleibt stehen. Das ist dann das Berlin der 40er Jahre. Steht eine Betonmauer quer über der Straße, ist es dieselbe Stadt, nur über 20 Jahre später. Auf einer Seite West-Berlin, auf der anderen der Osten. Klar. Nur geht die Sonne auf der falschen Seite auf. Geschichten schlagen nicht immer Himmelsrichtungen ein. Sie müssen nicht wahr sein. Sie brauchen gewisse Details, Stimmung und Licht. Sie erfüllen alle ihren Zweck.

Traum der Architekten

So wie Michael Düwels Geschichte. Man habe in ganz Berlin nach der Mauer mit Grenzübergang gesucht, erzählt er. Das war 1998. „Es gab nichts mehr dergleichen!“ In Düwels Stimme schaukelt sich Verwunderung hoch. Er ist in Berlin geboren, war bis kurz vorm Mauerfall in der Stadt, dann ist er weg und 1995 wiedergekommen. Er kann nicht wirklich verwundert gewesen sein. Düwel leitet das Art Departement im Studio Babelsberg. Er macht Überstunden, trägt Jackett und hat eine Krawatte parat. Zu seinem Job gehört es, das Filmstudio gut zu verkaufen. Er lässt eine Spannungspause. So wie Geschichten sie haben, in denen gleich der Retter kommt. „Da mussten wir die Mauer eben selber bauen“, sagt Michael Düwel dann, „mitsamt der Sonnenallee auf beiden Seiten.“

Die Berliner Sonnenallee für den gleichnamigen Kinofilm von Leander Haußmann war eine Kulissenstraße. Sie stand auf dem Studiogelände von Potsdam-Babelsberg und setzte ins Bild, was es gar nicht mehr gab. Sie machte es möglich, eine Geschichte zu erzählen. Geschichten sind das wahre Leben. Denn in Geschichten werden kleine Leute ganz groß.

Udo Scharnowski ist einer dieser kleinen Leute. „Wir hatten so eine Kulisse schon ewig im Kopf“, sagt er. Scharnowski ist Filmarchitekt. Er war schon Filmarchitekt bei der Defa in Babelsberg, DDR. Er und seine Kollegen haben im Atelier ein Modell gebaut: eine Straße mit Nebenstraßen, mit Pflaster und Laternen, mit Balkonen, Erkern, Treppen und Geschäften. Sie nannten sie „Berliner Straße“. Sie standen oft vor dem Modell. Sie hätten es gern wirklich gebaut. Sie waren 40 Filmarchitekten, und sie hatten alle denselben Traum.

Der Traum hat die DDR überlebt. Scharnowski und Kollegen mussten neu berechnen: acht bis zwölf Millionen D-Mark würde die Straße kosten. Der Traum hat auch die Defa überlebt. Scharnowski und Kollegen wussten nicht, was aus ihnen wird. Wenn irgendjemand mitmacht, haben sie sich dennoch geschworen, bauen wir die Straße, notfalls auch kleiner.

An dieser Stelle muss noch eine andere Geschichte erzählt werden. Sie handelt von Volker Schlöndorff. Der deutsche Regisseur wurde 1992 Geschäftsführer des Studio Babelsberg. Auch er hatte einen Traum. Er wollte in den ehemaligen Ufa- und Defa-Studios der deutschen Filmindustrie zur Renaissance verhelfen. Er träumte von europäischen Filmen mit amerikanischem Format. Wenn manche Leute in Babelsberg von Schlöndorff erzählen, lassen sie ihn als fleischgewordene Verheißung übers Gelände laufen. Sein langer Mantel, so fantasieren die Leute, legt sich unter den schnellen, großen Schritten in den Wind wie ein Schweif. Er hat einen Zauberstab, mit dem er die maroden, denkmalgeschützten Backsteinbauten, die heruntergekommenen Ateliers, die veralteten Tonstudios und Kopierwerke berührt. Pling!, macht es, und alles sieht nach etwas aus, woran niemand geglaubt hat: Große Regisseure werden in Babelsberg Filme drehen.

Andere Studiomitarbeiter erzählen nicht davon, wie Schlöndorff gekommen, sondern wie er nach Jahren wieder gegangen ist. Er wird in diesen Geschichten ganz klein. Er ist gescheitert. Es gibt Gründe: Mit Kino allein kann Babelsberg nicht überleben. Es braucht Fernsehproduktionen, Daily Soaps, es muss Shows dekorieren, die Marlene-Dietrich-Halle für Events vermieten, es muss Werbefilme produzieren. Es muss sein Umfeld vermarkten, ganz Ostdeutschland, Berlin. Es muss sich anbieten, damit internationale Regisseure ihre Kulissen nicht in Prag, Budapest oder Rumänien suchen, wo die Lohnkosten niedriger sind. Schlöndorff kannte die Gründe, aber wollte sie nicht akzeptieren. „Es gibt nach wie vor keine deutsche Filmindustrie“, sagte er später. Er wird kleiner in den Geschichten der Babelsberger, aber nicht bedeutungslos. Sie sprechen von ihm wie von einem Teddybären, mit dem sie auch jetzt, da sie erwachsen geworden sind, noch heimlich kuscheln.

1998 war Volker Schlöndorff nicht mehr Geschäftsführer. Anstatt vor dem kleinen Modell stand Udo Scharnowski nun unter freiem Himmel in der Außenkulisse. Die „Berliner Straße“ war endlich Wirklichkeit geworden – etwas kürzer für „Sonnenallee“, später wurde sie vergrößert und steht jetzt auf etwa 7000 Quadratmetern. Sie verläuft mit einer kleinen Kurve auf eine Querstraße zu. Es gibt etwa 26 Hausfassaden aus versiegelten Platten und verputztem Drahtgewebe, die von Stahlkonstruktionen gehalten werden und acht Meter tief in den märkischen Sand eingelassen sind. Man kann sie jederzeit herausziehen. Man kann die Kulisse immer wieder neu entstehen lassen. Das ist Sinn und Zweck der Sache. „Die Straße muss viel ertragen“, sagt Udo Scharnowski.

Sie hat schon fünf Mal einen Herbst mit seinen Stürmen überstanden. Es steht ein Zaun drum herum. Abends schalten sich die Bewegungsmelder ein. Scharnowski und seine Kollegen hätscheln die Kulisse wie ein Kind. Den Ideen der Regisseure und Szenenbildner jedoch müssen sie sich beugen. Nach „Sonnenallee“ haben sie in der Straße die deutsche Fernsehproduktion „Der Tunnel“ gedreht, Roman Polanskis „Der Pianist“, „Joe and Max“ von Steve James, Margarethe von Trottas „Rosenstraße“ und dann ist Leander Haußmann mit „Herr Lehmann“ wiedergekommen. Außer Udo Scharnowski gibt es nur noch einen Filmarchitekten in Babelsberg. Scharnowski ist 46 Jahre hier. Mitunter bittet ihn der Pressesprecher, ein Interview zu geben. Er kommt pünktlich in Jeans und Windjacke, mit dem Zollstock in der Hand. Er wartet zehn Minuten, dann dampft er wieder ab. „Wir stehen in Leistung!“, sagt er.

Der Puls ging schneller

Henning Molfenter steht auch in Leistung. Nur würde er das anders formulieren. Molfenter ist in Babelsberg, um internationale Filmproduktionen heranzuholen. Zum Feierabend stellt er das Bürotelefon aufs Handy um, denn jetzt stehen sie in Hollywood erst auf. Molfenter verabredet sich mit Regisseuren und Produzenten zu „visuell netten Abendessen“. Läuft das Essen gut, treffen sie sich am nächsten Morgen wieder. „Da wird’s dann scharf“, sagt Molfenter, „denn dann geht’s um viel Geld.“

Henning Molfenter ist groß und kräftig und blond. Er wirkt gelassener als andere im Filmstudio. Er ist im Vorteil. Er gehört nicht zu den wenigen Überlebenden, sondern hat sich spontan entschieden, in Babelsberg zu bleiben. Er war so frei. Er hat eine Chance genutzt, aber er hatte keinen Traum. Er hat in London und New York Film studiert und zehn Jahre lang für den amerikanischen Film gearbeitet. Im Jahr 2000 hat ihn Roman Polanski für „Der Pianist“ engagiert. Kurz darauf erfuhr Michael Düwel, dass Polanski seinen Film in Babelsberg drehen will. Der Puls in der Chefetage erhöhte sich. Etwas später teilten Polanski und sein Szenenbildner Allan Starski mit, welche Vorstellungen von der Kulisse sie hatten. Udo Scharnowski kam in Bewegung. Das war zum Jahreswechsel 2000/2001. Man stellte Tonnen an der „Berliner Straße“ auf und zündete sie an. Sobald das Eis auf den Stahlträgern geschmolzen war, kletterten sie hinauf und arbeiteten. Es mussten Dächer auf die Fassaden gesetzt werden, weil der Pianist von einer Wohnung in der oberen Etage hinaussehen sollte. Man musste ganze Zimmer hinter Fenster bauen. Binnen zwei Monaten ist aus der „Berliner Straße“ das Warschauer Ghetto geworden.

Im Februar 2001 kamen Roman Polanski und Henning Molfenter nach Babelsberg. Sie besichtigten die Kulisse. „Polanski war detailversessen“, erzählt Udo Scharnowski. Immer wieder hat er den Filmarchitekten nachbessern lassen. Auch noch während des Drehs, als die Warschauer Juden mit den Sternen an den Mänteln zusammen mit den SS-Männern beim Catering saßen. „Polanskis Straße war das Optimale“, sagt Scharnowski, „das Maximum.“ Vielleicht stimmt das. „Der Pianist“ hat drei Oscars und die Goldene Palme in Cannes bekommen. Für Momente richteten sich die Augen der Welt auf Babelsberg. Das war mehr, als man hier erhofft hatte. Das Filmplakat hängt jetzt riesengroß am Eingangstor. „Der Pianist war der Durchbruch“, sagt Henning Molfenter. Bei Michael Düwel im Büro steht der schmuddelige Klappstuhl des Regisseurs. „Polanski ist ein so angenehmer Mensch“, sagt der Chef vom Art Departement. „Natürlich hatte er Macken, aber keine Starallüren.“ Düwel redet, wie alle im Studio über Polanski reden: Als hätten sie sich kollektiv verliebt. „Er hatte immer ein T-Shirt an“, sagt Düwel. Polanski war so was wie der Mann fürs Leben. Zumindest Henning Molfenter, der mit ihm kam, haben sie dabehalten.

Man kann die Geschichte drehen und wenden, wie man will: Es ist einfacher für einen Regisseur, in einer Außenkulisse zu drehen, als irgendwo ein Stück Stadt abzusperren und sich mit den Genehmigungen, den Kosten und den Anwohnern rumzuschlagen. Es ist aber eben auch nicht echt. Nach der Premiere von „Rosenstraße“ hat eine Zeitung geschrieben, man könne die „Berliner Straße“ langsam schon nicht mehr sehen. Margarethe von Trotta soll im Fernsehen gesagt haben, dass die viele Pappe sie irritiert habe. „Ich verstehe die Frau nicht“, sagt Michael Düwel. Jeder in Babelsberg scheint das Interview gesehen zu haben, außer Udo Scharnowski, aber der weiß sofort, worum es geht. Es geht ums Überleben. Wenn er die Filmkritiken richtig verstanden habe, sagt der Architekt, dann seien der Regisseurin in der Kulisse die bewegendsten Momente gelungen.

Ein Preis für Babelsberg

Die Hauptdarstellerin Katja Riemann ist beim Filmfest in Venedig ausgezeichnet worden. „Sie hat bei uns anscheinend gute Drehbedingungen gehabt", sagt Henning Molfenter. Leander Haußmann war zum zweiten Mal in der Straße. Obwohl Margarethe von Trotta zugange war und er für „Herrn Lehmann“ um ein wenig Platz bitten musste. Molfenter wüsste noch viel zu erzählen, was für die „Berliner Straße“ spricht. Hat er es nötig, sie zu verteidigen? Das Studio Babelsberg wird auch bald ausgezeichnet. Im Oktober erhält es den Sonderpreis Logistik für die Mammutproduktion des Klassikers „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne. Es werden Planung, Steuerung, Durchführung und Kontrolle aller Produktionsschritte gewürdigt, heißt es in der Begründung der Bundesvereinigung Logistik. Lange Rede, tiefer Sinn. „Soll ich erzählen, wer bislang diesen Preis erhalten hat? Die Bauleute auf dem Potsdamer Platz und die Bundeswehr bei der Oderflut." Molfenter ist ein Kinomann. Er liebt Geschichten. Diese hier erzählt davon, wie kleine Leute große Dinge bewältigen. Und Molfenters Name wird wieder im Abspann stehen.

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