Zeitung Heute : „Deutschland hat den größten Mannschaftsgeist“ Am Strand des Lebens

Shelton Morgan stammt aus dem Inselstaat St. Vincent und den Grenadinen. Sein Job: schnorcheln mit Denzel Washington. Doch Heimweh hat er nicht – Morgan gefällt die Weltmeisterschaft. Österreicher dagegen findet er eher unsympathisch. „Ich kam vom Ende der Welt, um mitzumachen bei dem Zug der Deutschland-Fahnen“, sagt er.

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Es stellt sich vor: Shelton Morgan, vielleicht der exotischste Fan der Weltmeisterschaft. Shelton ist nämlich ein Inselkind. Er kommt aus der Karibik, sein Staat heißt „St. Vincent und die Grenadinen“. Eine Flugstunde von Barbados entfernt liegt das, in der Karibik. Auf der Inselgruppe wurde „Der Fluch der Karibik“ gedreht.

Shelton, 23 Jahre alt, ist von Beruf Inselhopper, er hat ein Wassertaxi, mit dem er Urlauber von Insel zu Insel fährt. Allerdings ist er ein Taxifahrer mit Extraprogramm. Er schnorchelt mit Gästen oder geht mit ihnen Cocktails trinken. Zuletzt mit Denzel Washington. Promis sind normal auf den Mini-Inseln. Mick Jagger, Michael Jackson, Donald Trump – ihm fallen einige Namen ein. Doch gerade besucht Shelton Deutschland. Und er sagt: „Deutschland hat von allen Ländern das Team mit dem größten Mannschaftsgeist.“

Schöneberg, ein italienisches Café. Shelton trägt ein leuchtend gelbes Shirt, Badelatschen, ein breites Grinsen. Sehr lässig. Puh, gerade erst aufgestanden, sagt Shelton. Gestern war er noch feiern, im Treptower Park. „Wie in einem Werbefilm“ habe er sich da gefühlt. Und unglaublich erleichtert, dass die Berliner so aufgeschlossen seien. Er kommt gerade aus Wien. Sechs Monate ist er in Europa, geht auf eine Wiener Sprachschule, um Deutsch zu lernen. Weil viele seiner Kunden Deutsch sprechen.

Eigentlich hatte er einen Aufenthalt bei der WM gar nicht eingeplant. Doch: „Ich war neidisch, als ich im Fernsehen sah, wie in Hamburg, Frankfurt und Berlin gefeiert wird.“ Deshalb hat er einen Freund in Deutschland angerufen. „Komm her“, sagte der. Er kennt ihn seit Jahren, der Berliner ist jedes Jahr auf Bequia, Sheltons Insel.

Shelton erzählt mehr über Denzel Washington. Im Frühjahr ist er mit dem Schauspieler aus „Philadelphia“ und „Training Day“ von Insel zu Insel gefahren. Sie hätten sich betrunken, mit Rumpunsch. Und er habe gesagt, dass der Prominentenstatus ihm ermögliche, mit Menschen aus allen Schichten Zeit zu verbringen. Früher hätte er sich nur in seiner Klasse, der hart arbeitenden Mittelschicht, bewegt. Das findet Shelton sehr sympathisch.

Wenn Shelton mit seinen Freunden ausgeht, dann gehen sie in die „Brasil Bar“. Die Bar liegt auf der Nachbarinsel Mustique.

Bei der Weltmeisterschaft hielt Shelton erst zu Trinidad & Tobago, „das Land liegt von allen Teilnehmern am nächsten an St. Vincent“, sagt Shelton und nimmt einen Schluck Orangensaft. Er mag Dwight Yorke, den bekanntesten Spieler der Mannschaft, der außerhalb der WM für Sydney spielt. Früher, als Jugendlicher, sei Yorke zu Spielen auch nach Mustique gekommen. Smart und stark sei der, „ein Arbeiter, der den Job sieht und ihn ausführt“. Auch wenn sein Gesicht aussehe wie eine Erdnuss, findet Shelton. So wie sein eigenes. Findet Shelton. Und lacht.

Er mag gar nicht daran denken, bald wieder nach Österreich zu fahren. Wo es kein Leben und keine lachenden Gesichter auf den Straßen gäbe. Er mag Berlin, weil die Menschen sich hier in die Augen schauen. Einen Satz, den wolle er sagen, bevor er zum Deutschland-Spiel aufbricht („Ja, ich habe eine Karte!!“), und er hat ihn sich genau überlegt, wiederholt ihn laut, bis er sicher ist, dass er klingt: „Ich kam vom Ende der Welt, um mitzumachen bei dem Zug der Deutschland-Fahnen.“ Und: „Ich mag Berlin nicht. Ich liebe Berlin!“Jeannette Krauth

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