Zeitung Heute : Deutschland im Gaudi-Boom, oder: Flucht in den Erlebnispark

ROLAND MISCHKE ( )

Das Paradies war schön. Optimales Klima, freundliche Flora und Fauna (außer einer Schlange). Doch der Mensch wußte diese Schöpfung nicht zu schätzen und wurde aus dem Paradies vertrieben. Seitdem erfährt jede neue Generation, daß unsere Welt fehlerhaft ist. Der Mensch aber strebt nach Vollkommenheit, deshalb wurde er zum Weltenschöpfer und schuf den Erlebnispark - ein vollklimatisiertes Ersatzparadies von immer perfekter werdender Illusion.Erlebniswelten erfreuen sich rasant zunehmender Beliebtheit. Die 56 Freizeitparks in Deutschland locken inzwischen über 22 Millionen "Erlebniskonsumenten" an, dreimal mehr als die Spiele der Bundesliga. Sie werden in diesem Jahr rund eine Milliarde Mark ausgeben, um aus dem Alltagstrott auszuscheren, Langeweile zu beseitigen und den ultimativen Kick zu finden. Wer Abenteuer im Dschungel erleben will, muß nicht an den Amazonas fliegen, sondern fährt in den Freizeitpark Rust bei Freiburg. Wen es nach einer fetzigen Skiabfahrt gelüstet, braucht weder die Alpen noch Colorado - im Alpin Center Ruhr bei Bottrop kann er unterm gläsernen Dach zu jeder Jahreszeit einen 400 Meter langen Hang auf künstlichem Schnee herunterbrettern. Wer sich verzaubern lassen will, muß nicht sagenumrankte griechische Inseln aufsuchen - im "Freizeit- und Erlebniscentrum Stuttgart International" wird er seine idyllische Nische finden. Erlebniswelten haben einen Markt geschaffen, der noch lange nicht gesättigt ist. Noch zieht es "nur" 20 Prozent der Gesamtbevölkerung dorthin. Aber Touristikexperten und Wirtschaftsprognosen lassen kaum Zweifel daran, daß bereits in wenigen Jahren und trotz Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit die prophezeite Umsatzschwelle von 500 Milliarden Mark überschritten wird.Das "Erlebniszeitalter" sei angebrochen, sagt der Hamburger Freizeitforscher Horst Opaschewski, und Heinz Rico Scherrieb, bis vor kurzem Geschäftsführer des Verbands Deutscher Freizeit-Unternehmen und vielleicht bester Kenner der Branche, hat noch enorme Bedürfnispotentiale geortet. Die einst so beliebten Volksfeste verlieren stetig an Bedeutung, bisher übliche Freizeittätigkeiten wie Angeln oder Wandern geraten immer mehr in den Special-Interest-Bereich und die Generation der Medien-Kids drängt die Eltern massiv in die Erlebniswelten: Familien sind die treueste Klientel der Freizeitparks. Weil da sichere Zuwächse zu erwarten sind, werden derzeit rund 250 weitere Parks geplant. Alle werden wohl nicht realisiert werden, aber immer mehr Kommunen, vor allem in den neuen Bundesländern, empfangen Investoren mit offenen Armen. Manche geplante Objekte, wie der Sachsenpark in Sachsen, der Vergnügungspark Planetharz im Harz oder der Traumlandpark Neuruppin in Brandenburg, sollen mit bis zu 90 Prozent öffentlicher Förderung entstehen und mehrere tausend Arbeitsplätze schaffen.Die vielfältigen "Produkte" des kommerzialisierten Erlebnisangebots, ob Konsumgüter oder Dienstleistungsangebote, Kultur- und Unterhaltungsproduktionen, Sport- und immer mehr virtuelle Angebote lassen sich umsatzsteigernd miteinander kombinieren und zielen auf ein Publikum mit durchschnittlichem Anspruchsniveau. Konzepte wie im Freizeitland Geiselwind an der A3 zwischen Nürnberg und Würzburg, in dem sich alles ums Wasser dreht, oder im 1998 eröffneten Freizeitpark des Spieleherstellers Ravensburger am Bodensee, in dem das Attraktionsspektrum die Firmenphilosophie zur Schau stellt, kommen gut an. Großen Zuspruch erhalten Brand-Parks (Marken-Parks), wie der kürzlich eingeweihte Opel-Park im hessischen Rüsselsheim und die für das Jahr 2000 geplante VW-Autostadt bei Wolfsburg. In Frankfurt am Main entsteht ein riesiges Urban Entertainment Center, das auf verschiedene Unterhaltungsangebote ausgerichtet sein wird. Bei Mode- oder Trendänderungen und dem damit verbundenen Ausfall von Elementen kann es mit geringen Mitteln innerhalb kurzer Zeit umgebaut werden.Den Plänen der Investoren bescheinigen Ökonomen realistische Markteinschätzungen. So hatte man sich im amerikanischen Unternehmen Warner Brothers in die Idee verliebt, Berlin mit seinem Einzugsgebiet von 7 Millionen Einwohnern mit einem Vergnügungspark zu bescheren, entschloß sich aber nach einer Analyse für das Ruhrgebiet mit 24 Millionen Menschen. Eine professionelle Entscheidung, zumal Berlin mit dem Filmpark Babelsberg und dem Spreepark gut versorgt ist. Bei Bremerhaven entsteht für etwa 1,1 Milliarden Mark der Ocean Park mit dem größten Aquarium Europas. Im nahegelegenen Bremen wird für gute 800 Millionen Mark ein Space Park mit Attraktionen aus Luft- und Raumfahrt gebaut.Beim Aqua-Fontane-Park im Nordwesten Brandenburgs (800 Millionen Mark) und dem Karl-May-Land bei Hoyerswerda (400 Millionen Mark) herrscht Stagnation wegen fehlender Investoren. In Leipzig denkt man an einen Krystall-Palast (250 Millionen Mark) mit Kletterwand für Alpinisten und Extremkletterer. Der Bau des Simulationsparks "Olympic Spirit" in München, in dem Besucher an Simulatoren olympische Sportarten "nacherleben" können, soll demnächst mit dem ersten Spatenstich beginnen; die Investitionssumme ist noch unbekannt. Die bayerische Stadt Günzburg bei Ulm verhandelt mit dem dänischen Unternehmen Lego über einen gleichnamigen Park. Am Bodensee ist - nach Ravensburger - ein weiteres Spieleland geplant. Verblüffend nicht nur die Großinvestitionen, sondern auch die Vernetzung wirtschaftlicher Interessen. Coca-Cola und Langnese sorgen für Erfrischungs-"Treffpunkte", Daimler-Benz steigt beim Fuhrpark ein, Inline-Skating-Ausrüster und Spieleproduzenten wie Lego und Steiff installieren großräumige Schau- und Aktionsflächen. Ein großer Teil der Wirtschaft setzt trotz Massenarbeitslosigkeit und sinkender Realeinkommen auf den Gaudi-Boom im vertrauten, bequem erreichbaren Umfeld, in faszinierenden Kauf- und Erlebniswelten, die generationenübergreifend beglücken.Die bisher mittelständischen Strukturen werden aufgelöst, mehrere etablierte Parks stehen derzeit zum Verkauf - die Großen übernehmen. Eine Amerikanisierung und damit weitere Professionalisierung des Freizeitmarktes steht bevor. Wie die Disney-Parks in den USA werden die Erlebnisparks hierzulande zu säkularisierten Wallfahrtsorten für Millionen werden. Man muß dagewesen sein, um mitreden zu können. Man will Anteil nehmen am theatralischen Leben, das urbanes Milieu simuliert. Man will Spaß, weil der Alltag doch schon hart genug ist. Gaudi-Genuß wird zum sozialen Statement, zum gesellschaftlichen Zugehörigkeitsausweis. Mögen Kritiker über inhaltsfreie Ästhetik und mystische Entleerung sinnieren. Die Pilgerreise ins bereits verloren geglaubte Paradies wird das nicht aufhalten.

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