Zeitung Heute : Deutschland im Jahre Null

Der Tod eines Kindes als Verweis auf den moralischen Bankrott eines Landes

In diesem Jahr ist die Freie Universität 60 Jahre geworden. Als sie gegründet wurde, lag das Kriegsende drei Jahre zurück, und in Berlin wie in anderen deutschen Städten beherrschten Not und Wiederaufbau den Alltag. Mit dieser Zeit befasst sich der Film „Deutschland im Jahre Null“ des italienischen Regisseurs Roberto Rossellini aus dem Jahr 1948. Über den Film hielt kürzlich der italienische Wissenschaftler Dr. Tomas Sommadossi von der Universität Pavia einen Vortrag an der Freien Universität. Er war Teil der öffentlichen Vorlesungsreihe „Film macht Schule – was lehrt uns das Kino?“, die noch bis zum 4. Fe bruar an der Freien Universität läuft.

Der Zweite Weltkrieg als gesellschaftliches, politisches und ethisches Phänomen hat den römischen Regisseur Roberto Rossellini (1906 – 1977) in den Jahren 1944 bis 1948 beschäftigt. Seine antifaschistisch eingestellte Geschichtsreflexion führte zu einer Film-Trilogie: „Rom, offene Stadt“ von 1945 behandelt den elenden Alltag der römischen Bevölkerung zur Zeit der deutschen Besatzung. Darauf folgte „Paisà“ (1946), ein Film über den italienischen Widerstandskampf und die Befreiung Italiens durch die Alliierten. Die Kriegsthematik ließ sich aber nicht auf Italien beschränken. Rossellinis Meinung nach blieben zwei für die moderne Welt relevante Themen, die von der Kriegserfahrung ausgingen: die Atombombe in Japan und die Zerstörung Deutschlands. Als Europäer habe er sich für das Thema des besetzten Deutschlands entschieden, sagte Rossellini. Aus diesem Blick in die Tragödie entstand 1948 „Deutschland im Jahre Null“.

Ort des Geschehens ist das Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Handlung dreht sich um die Figur eines zwölfjährigen Kindes, Edmund Koehler - „des Stellvertreters aller deutschen Jugendlichen, die die Katastrophe ihres Landes überlebt haben“, sagte Rossellini. Im Zentrum des Films stehen die familiären Verhältnisse. Edmunds Vater ist ein kranker, arbeitsunfähiger Mann im Alter von etwa 60 Jahren. Der 23-jährige Bruder, ehemaliger SS-Mann, lebt nach dem Ende des Krieges versteckt zuhause, da er als Kriegsverbrecher verhaftet zu werden befürchtet. Die Schwester Eva führt den Haushalt. Edmund muss sich trotz seines jungen Alters um den Lebensunterhalt der Familie kümmern. Auf der Straße begegnet Edmund seinem ehemaligen Lehrer Enning. Dieser entpuppt sich als gewissenloser Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie. Schwache und Kranke wie der ältere Herr Koehler solle man rücksichtslos sterben lassen, sagt er zu Edmund. Dieser macht sich Ennings fehlgeleitete Worte zu eigen: Er mischt Gift in den Tee des Vaters, woran dieser stirbt. Bei Enning, dem Edmund quasi Rechenschaft ablegt, findet das Kind wider Erwarten keinen Beifall. Es wird als Monster bezeichnet. Edmund verlässt in Tränen die Wohnung des Nazi-Lehrers; er geht auf die Straße, irrt durch die Trümmerhaufen Berlins, bis er das Haus erreicht, in dem er früher mit seiner Familie gewohnt hat. Er geht in die oberen Stockwerke und stürzt sich aus dem Fenster. In den letzten Filmeinstellungen ist die Leiche des Zwölfjährigen zu sehen, die auf dem von Staub und Trümmern überzogenen „deutschen Boden“ liegt.

Es war gerade der Anblick der zerstörten, hoffnungslosen Hauptstadt, der den Regisseur zum anfänglich nicht vorgesehenen, tragischen Finale bewegte. In Berlin eingetroffen, war Rossellini von der Schwermut der Bevölkerung betroffen: „In Berlin“, schrieb er 1949 in einem Presseheft zum Film, „hatte ich den Eindruck, dass die Leute nur eines interessierte: essen und überleben. Dies, glaube ich, ist das Ergebnis einer Niederlage ohne Beispiel in der ganzen Geschichte, eine Niederlage, die das Selbstbewusstsein eines ganzen Volkes vernichtet hat.“ Um eben diese Zerstörung wiederzugeben, die für Rossellini als Zeichen eines moralischen Bankrotts galt, erwies sich das Versagen der Hauptfigur als unvermeidbar.

Die Provokation des Films besteht darin, entgegengesetzte Begriffe wie Kindheit und Tod miteinander zu assoziieren. Rossellini wählte ein Kind als den tragischen Helden seines Deutschland-Films, um die Folgen einer nationalsozialistischen Erziehung zu zeigen. Indem Edmund mit Kaltblütigkeit den auf Ideologie zurückzuführenden Vatermord begeht, endet seine Kindheit, und er wird zum Verbrecher. In dieser Hinsicht spiegelt sich in seiner privaten Geschichte das Schicksal des nationalsozialistischen Deutschlands, zu dessen schuldbeladenem Repräsentanten Edmund wird. Der inszenierte Selbstmord in der Schluss-Sequenz ist eine Warnung vor den Folgen des geistigen Verfalls einer Nation im Zeichen der Ideologie und gilt als Beweis der These, dass keine ethischen Kompromisse geschlossen und keine inhumanen Taten begangen werden dürfen.

In struktureller Hinsicht ist die Uneinheitlichkeit des Films auffällig. Die Kernsequenz, in der Rossellini seine pessimistische Geschichtsphilosophie zum Ausdruck bringt, nimmt etwa die letzten zehn Minuten des Films ein und bildet eine Art autonome semantische Einheit. Den Rest des Films (eine volle Stunde!) empfand Rossellini nach eigenen Worten als eine „Chronik“, deren Ziel es war, den Hintergrund zu skizzieren und logische Verhältnisse zwischen Kontext und Hauptszene zu erstellen. Die Abfolge besteht aus mehreren, eher ungebundenen Situationen, die auf die erbärmlichen Verhältnisse und den Alltag im damaligen Berlin eingehen: Hunger, Arbeitslosigkeit, Lebensmittelrationierung, Wohnungsnot. Erst nach 43 Minuten setzt die eigentliche „Fabel“ ein, also die Erzählung, in der sich Edmund von Enning über den „richtigen“ Umgang mit älteren Menschen „belehren“ lässt.

Die inhaltliche Unterscheidung zwischen Chronik und Fabel hebt Rossellini durch den Einsatz von Licht hervor: Im ersten Teil des Films bewegt sich Edmund in einem beinahe südländisch anmutenden, fast blendenden Licht. Das Fehlen von Schatten um die Hauptfigur lässt sich als Zeichen der Unschuld der Kindheit deuten. Von dem Moment an, als Edmund den Vater vergiftet hat, ändert sich die Beleuchtung. In Anlehnung an eine für die Religion typische bildliche Metaphorik veranstaltet Rossellini während der Tat ein quasi expressionistisches Licht-Schatten-Spiel, um durch die scharfe Trennung von Hell und Dunkel auf die kompromisslose Gegenüberstellung der moralischen Kategorien von „Gut“ und „Böse“ zu verweisen.

Nun konzentriert sich Rossellini auf das Schicksal der Hauptfigur, deren existenzielle Einsamkeit er in der Endsequenz meisterhaft zur Geltung bringt. Edmund ist ein verworfener Mensch, weil er seine Familie verraten hat. Bei niemandem findet er Anerkennung. Edmund geht allein durch die horizontlose Ruinenlandschaft. Die Kamera auf Schienen verfolgt ihn pausenlos, „starrt“ ihn an, versucht durch horizontale und vertikale Schwenks jede Bewegung nachzuzeichnen, als wolle sie sich in die Abgründe seiner jungen und doch verlorenen Seele hineinversetzen. Edmunds Weg führt durch die Ruinen Berlins unmittelbar in den Tod. Und anders hätte es im Film auch nicht sein können, da die Darstellung der Hölle des „Jahres Null“ in der Folge des nazistischen Erdbebens nicht über das Versagen aller humanistischen Ideale hinwegsehen kann.

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