Deutschland im Krieg : Zwischen den Fronten

Von Stephan-Andreas Casdorff

Ach ja, es ist zum Verzweifeln. Endlich sind die Deutschen so, wie sie immer sein sollten, vor allem nach den Vorstellungen der Amerikaner, friedliebend und heraus aus den Knobelbechern. 60 Jahre der militärischen Zurückhaltung haben Spuren hinterlassen. Wir sind anders geworden, die Bundeswehr ist eine Friedensarmee und eine der Staatsbürger in Uniform. Und die Jahrzehnte der Zurückhaltung, darauf gab es parteiübergreifenden Stolz, lassen sich nicht einfach wegkommandieren.

Und nun? Deutschland ist im Krieg. Wer jetzt noch drumherum redet, oder gar nicht darüber redet, der handelt – als Politiker in verantwortlicher Position – gegen seinen Amtseid. Der Schade ist, genau besehen, schon da, die Bundeswehr steht in Afghanistan, mit 3500 Mann, und soll am Hindukusch Deutschlands Sicherheit verteidigen, was hierzulande so recht niemand versteht. Was auch viele Experten nicht verstehen, Altkanzler Schmidt allen voran, die darauf verweisen, dass in Afghanistan noch alle gescheitert sind, die militärisch den Sieg, die Gesellschaftsveränderung suchten. Wer redet noch vom Prinzip der Nichteinmischung, problematisiert die Notwendigkeit der Zivilisierung eines Landes mit Soldaten? Wer damit zu spät kommt, den bestraft die Lage.

Die Lage ist so, so ernst: Die Nato und mit ihr die UN stellen andere Anforderungen an die Deutschen. Die westliche Vormacht USA hat den Druck erhöht, drastisch und ungewöhnlich direkt. Washingtons Verteidigungsminister Robert Gates hat die deutsche Armee zum Kriegsdienst aufgefordert, zum Kampf im Sinne der dauerhaften Friedenserzwingung. Dazu gehört die dauerhafte Unterwerfung der Taliban in allen Landesteilen. Dem Druck kann die Bundesregierung nicht ausweichen. Kann sie ihm standhalten?

Zu Erinnerung: Es geht um die islamistischen Taliban, Menschenverächter und Menschenschlächter, die mit ihrer Diktatur Afghanistan ins Mittelalter zurückgeführt, Frauen drangsaliert, die Kultur zerstört hatten. Es geht um Afghanistan, dem aufzuhelfen schon immer wichtiger war, als den Irak zu besetzen und Saddam Hussein zu jagen. Das Land, in dem der Westen seine Regeln eingehalten und die internationale Staatengemeinschaft in seine Absichten nicht nur eingeweiht, sondern durch Beschlüsse eingebunden hat. Afghanistan, in dem es – bittere Ironie – mit Blick auf Demokratisierung und Aufbau nach Ansicht von Experten heute schlechter aussieht als im Irak.

Die Deutschen sollen das tun, was sie können, und nach Auffassung der Experten können sie kämpfen. So gut ihre Idee von der zivil-militärischen Zusammenarbeit ist, die Bundeswehr soll sich nicht im Norden verschanzen, sondern im Süden ihre Pflicht zur Kameradschaft in der Nordatlantischen Allianz erfüllen. Mit Norwegern, Niederländern, Kanadiern. Schon länger wird der Vorwurf der Feigheit erhoben. Die Deutschen sollen nicht als Nato-Betrüger dastehen.

Ja, so sehen es die Alliierten, weil doch die Bundesrepublik Deutschland ihr so viel wie kein anderes Land zu verdanken hat. Die Allianz hat doch ihre Sicherheit für die (west-)deutsche Freiheit verpfändet, Jahrzehnte, nicht wahr? Now it’s payback time, Zeit, die Schulden zurückzuzahlen. Notfalls mit Menschenleben. So sieht es aus. Wie hält die Bundesregierung da ihre Stellung? Wie verteidigt sie ihre Linie? Es ist Zeit, dass die Kanzlerin dem deutschen Volk sagt, wohin sie ihr Land führen will. Das verlangt der Amtseid. Und die Lage. Es geht darum, zu sagen, was dieser Satz bedeutet: Deutschland verteidigt seine Sicherheit am Hindukusch.

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