Zeitung Heute : Deutschland – Polen 1 : 0

WM-Stadion Dortmund, 14. Juni 2006, 65 000 Zuschauer

-

Die Reporterin ist ganz aufgeregt. Sie arbeitet für einen Nachrichtensender und hat sich mit ihrem Team unter die Fans im Biergarten des Dortmunder Freizeitzentrums West gemischt. 40 Polen, so berichtet die Reporterin, seien in der Stadt verhaftet worden. Männer, die „Kategorien“ angehörten und „Dinge“ mit sich führten. Was für Dinge? „Das sagen sie nicht.“ Sie? „Die Polizei.“ Sieht so aus, als seien sie endlich da, die berüchtigten polnischen Hooligans, die seit Monaten durch die deutschen Medien geistern. Nachdem die verhaftet sind, kommt es in der Innenstadt zu Scharmützeln zwischen deutschen Hooligans und der Polizei. Irgendwie muss man sich ja beschäftigen. Im Stadion ist alles friedlich und die Fans singen, dass sie nach Berlin fahren werden. Die stimmungsaufhellende Euphorieglocke, die sich seit dem Eröffnungsspiel über die deutsche Mannschaft gelegt hat, ist allgegenwärtig – mal abgesehen vom gelegentlich schüchtern vorgetragenen „Aber die Abwehr …“ Dieses Mal aber kommt alles anders: Während die Defensive solide agiert, überbieten sich vorne Klose & Co. im Auslassen bester Torchancen. Polens Torhüter Boruc nutzt die Gelegenheiten, sich nach dem peinlichen Abstoß-Gegentor gegen Kolumbien endgültig zu rehabilitieren. Auch die Einwechslung Odonkors, der ein ganzes Land in einen Geschwindigkeitsrausch versetzt, zeigt zunächst nicht die gewünschte Wirkung. So dauert es bis zur Nachspielzeit, dass die kühne Vision von der Berlinreise neue Nahrung erhält. Natürlich müssen dafür immer noch Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen. Aber wer will das in Zeiten, in denen sich Deutschland brasilianisches Wetter borgt, schon ausschließen.Jens Kirschneck

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben