Deutschland und Polen: Eröffnung der Ausstellung „Tür an Tür“ : Tausend Jahre Nachbarschaft

Es ist ein historischer Moment. Tausend Jahre deutsch-polnische Beziehungen werden ab diesem Donnerstag in der Ausstellung „Tür an Tür“ im Berliner MartinGropius-Bau gewürdigt – in der größten Schau, die es zur komplizierten Langzeitbeziehung der beiden Länder je gab. Schon am Mittwochmorgen wurde sie im Abgeordnetenhaus eröffnet: Bundespräsident Christian Wulff dankt „dem lieben Bronek“, seinem polnischen Kollegen Bronislaw Komorowski, für den frühen Aufbruch aus Warschau, um beizeiten zur Stelle zu sein.

Wulff ist noch ganz erfüllt vom gemeinsamen Gang durch die Ausstellung und kommt gleich auf den Papst zu sprechen. Nicht auf den aktuellen BerlinGast, sondern auf den polnischen Papst Johannes Paul II., ohne dessen Einsatz die Überwindung der deutschen Teilung ebenso wenig denkbar wäre wie ohne das Engagement der Danziger Werftarbeiter. Beide Präsidenten erwähnen aber auch den Hirtenbrief der polnischen Bischöfe von 1965, in dem sie 20 Jahre nach Kriegsende an ihre deutschen Amtsbrüder schrieben: „Wir vergeben, und wir bitten um Vergebung.“ Deutsche Katholiken antworteten drei Jahre später, einer der Unterzeichner war ein gewisser Josef Ratzinger. Komorowski rühmt in seinem Grußwort an den „lieben Christian“ den „Mut der Vergebung“ von damals: „Es war eine der schönsten Gesten, nicht nur für Deutschland und Polen, sondern für das Christentum Europas.“ Und es sei wichtig, dass beide Päpste, der polnische und der deutsche, für Versöhnung eintraten.

Komorowski zeigt sich beeindruckt von den 800 Exponaten. Die Ausstellung unterstreiche die mittelalterliche Maxime „Kunst ist wertvoller als Gold“. Die dunklen Seiten der deutsch-polnischen Nachbarschaft sollen nicht verschwiegen werden, „aber wir erinnern uns zu selten an die guten Beziehungen. Wir dürfen die Zeit vom Mittelalter bis zu den sächsischen Königen auf dem polnischen Thron nicht vergessen.“

Topographie der Geschichte: Nach dem Rundgang überqueren die beiden die Straße – vom Gropius-Bau sind es über den ehemaligen Mauerstreifen nur ein paar Schritte bis ins Abgeordnetenhaus, den früheren preußischen Landtag. Komorowski ist sichtlich bewegt: „Wir haben den Fall der Mauer, die Einheit und die neue Zukunft Europas auf wenigen Metern erlebt.“

Auf gute Nachbarschaft: Die Ausstellung ist nicht wie geplant ab Freitag zu sehen, sondern bereits heute, bei freiem Eintritt von 10 bis 24 Uhr. Damit nicht nur die Berliner kommen können, sondern auch die Polen, die wegen Papst Benedikt angereist sind. Rolf Brockschmidt

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