Zeitung Heute : Deutschland und Schweiz führen beim Handel mit Warrants

Der größte Marktplatz für diese Produkte ist die Stuttgarter Euwax, aber auch der Direkthandel über das Internet wird immer wichtiger

Udo Rettberg

Der Finanzplatz Deutschland nimmt im Marktsegment der Optionsscheine (Warrants), der Discount-Zertifikate und der strukturierten Finanzprodukte für Privatanleger neben der Schweiz eine führende Rolle in der Welt ein. Die Anleger an den angelsächsischen Finanzmärkten beschäftigen sich nämlich eher mit börsennotierten Derivaten wie Optionen und Futures, während die Anleger in Mitteleuropa auf von Banken kreierte und emittierte Produkte setzen.

So sehen die deutschen Banken für die nächste Zukunft keinen wirklichen pan-europäischen Wettbewerb auf dem Gebiet der Optionsscheine und Zertifikate.

Gemessen am Umsatz und den ausstehenden Produkten stehen Deutschland und die Schweiz an erster Stelle in Europa, gefolgt von Italien. „Zwischen Deutschland und der Schweiz gibt es jedoch einen großen Unterschied“, sagt Reinhard Bellet, für den Bereich Sales & Marketing von Optionsscheinen und Zertifikaten zuständiger Direktor bei der Deutsche Bank AG in Frankfurt.

Auf dem Schweizer Markt tummelten sich fast nur professionelle Anleger wie Vermögensverwalter und Eigenhändler. Hingegen engagierten sich in Deutschland eher die Privatanleger in Optionsscheinen und Zertifikaten. Die Umsatzstatistiken weisen aus, dass in Deutschland in einem Monat in etwa so viele Geschäfte abgeschlossen werden wie in einem Halbjahr in der Schweiz. „Die durchschnittliche Ordergröße ist in der Schweiz in etwa fünf Mal so hoch wie in Deutschland“, sagt Bellet. Dies sei ein klares Anzeichen für einen sehr stark institutionell geprägten Markt in der Schweiz.

Die kritische Auseinandersetzung mit diesem in Deutschland seit Jahren boomenden Teil des Börsenmarktes zeigt allerdings deutliche Schwachstellen auf. Bei den hier zu Lande von knapp 40 Emissionshäusern aufgelegten und an den hiesigen Börsen gelisteten rund 26 000 Warrants sowie etwa 6000 Zertifikaten findet nur in den wenigsten Produkten ein wirklicher liquider Handel statt. Zuletzt konzentrierte sich das Interesse vor allem auf Index-Produkte. Das Gros dieser so genannten „Retail-Derivate“ erwies sich dagegen als vollkommen illiquide.

Kritiker hatten in den vergangenen Jahren immer wieder betont, dass das in Deutschland bestehende Potenzial „spekulationswilliger“ Anleger besser organisiert und die verfügbaren Gelder entsprechend kanalisiert werden müssten. Doch trotz aller Bemühungen der Deutsche Börse AG ist es nicht gelungen, eine von den Marktteilnehmern wirklich anerkannte zentrale voll elektronische Handels-Plattform für diese Produkte zu schaffen, auf der die Interessen und die Liquidität aller potenziellen Marktteilnehmer zusammentreffen könnten.

Nach den Grundregeln der Marktwirtschaft entstehen immer dort faire Preise, wo eine möglichst hohe Zahl von Marktteilnehmern für ihre Aufträge einen Interessensausgleich findet. Dass die Emissionsbanken bei diesen Produkten einen sehr hohen Marketing-Aufwand betreiben, kann als ein vager Hinweis darauf gelten, dass Rohstoffe und Zertifikate in der Regel nur selten wirklich fair gepreist sind und sich das Engagement der Banken sehr wohl rechnet. Die fehlende Transparenz ist eine weitere Schwäche des Marktes.

Während es der weltgrößten Terminbörse Eurex nicht gelungen ist, ihr Derivate-Fachwissen in die Waagschale zu werfen und sich im Segment der Warrants und Zertifikate zu positionieren, hat sich die Stuttgarter Euwax den größten Teil des Kuchens gesichert. „Der führende Marktplatz für diese Produkte in Deutschland ist eindeutig die Stuttgarter Euwax“, sagt Heiko Weyand von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Der Direkthandel über das Internet wird für die Emittenten nach Auffassung mehrerer Banken immer wichtiger. „Etwa 75 Prozent der Umsätze in Optionsscheinen finden an den Börsen vorbei direkt über das Internet statt“, sagt Bellet. Verfüge ein Emittent nicht über alle direkten Anschlüsse zu den Diskontbrokern, so entgehe ihm der Umsatz.

Nur ein wirklicher „Mega-Trend“

Eine Analyse des Derivatemarktes für Privatanleger in Deutschland während der vergangenen beiden Jahre zeigt nur einen wirklichen „Mega-Trend“ auf: Das Indexing. So verweist Reinhard Bellet auf Statistiken, wonach es für Fondsmanager über viele Jahre hinweg sehr schwer gewesen sei, einen Vergleichsindex zu schlagen. „Weshalb also sollten sich die Anleger nicht gleich über ein kostengünstiges Index-Zertifikat im Markt engagieren“, fragt sein Kollege Thorsten Michalik.

Dieser Trend stellte sich in den vergangenen Monaten sowohl bei der Spekulation mit Optionsscheinen als auch bei so genannten Knock-Out-Produkten sowie beim passiven Investieren über die Nachbildung von Aktienindizes über Zertifikate ein. Indexprodukte machen sowohl bei Optionsscheinen als auch bei Zertifikaten inzwischen weit mehr als 50 Prozent der Umsätze aus. Gerade bei Zertifikaten ist dieser Trend sehr wohl verständlich. Auf Grund des aktuell nach wie vor sehr unsicheren Marktumfeldes favorisieren die Anleger weiter vor allem Discount-Zertifikate.

Besonders die mit zusätzlicher Sicherheit ausgestatteten so genannten „Barrier Discount-Zertifikate“ und „Partial Time Barrier Discount-Zertifikate“ würden einen eher anlegerfreundlichen Ansatz verfolgen und am Markt daher gut angenommen. Grundsätzlich würden auch Open-End-Indexzertifikate – also Zertifikate ohne Endfälligkeit – eine liquide und kostengünstige Alternative zu Investmentfonds darstellen.

Am Markt für Optionsscheine und Zertifikate ist es in den vergangenen Jahren zu erheblichen Verschiebungen in der Rangliste der emittierenden Banken gekommen. Emittenten, die vor drei Jahren noch stark im Optionsscheinmarkt waren, haben einige Trends verschlafen und an Boden verloren. Wer den Boom von Finanzinnovationen wie Index-Zertifikate oder Knock-Out-Produkte verpasst hat, hinkt hinter dem Markt her. Ein weiterer Grund für die Verschiebung der Marktanteile ist neben der fehlenden Innovationskraft auch in der Qualität des „Service am Kunden“ zu sehen.

Dies macht sich vor allem im außerbörslichen Handel bemerkbar: Anleger handeln in der Regel nur Produkte solcher Emittenten, bei denen sie sicher sind, dass es die Möglichkeit gibt, außerbörslich zu handeln und zudem in volatilen Marktphasen faire Preise zu bekommen. Marktführer ist eindeutig die Deutsche Bank, gefolgt von ABN Amro. Es gehe nicht zuletzt darum, Produkte zu entwickeln, die den Nerv des Anlegers treffen.

Die künftige Entwicklung in diesem Marktsegment sehen Fachleute in der Entwicklung von Sparplänen für Zertifikate und in der Gestaltung steuereffizienter Garantieprodukte. „Bei Optionsscheinen wird der Trend zu Indizes bestehen bleiben“, sagt Bellet. Erst bei einer weiteren kräftigen Erholung der Märkte dürften Aktien als Basiswert für Optionsscheine wieder ins Interesse der Anleger rücken.

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