Zeitung Heute : Deutschlands erste Augenoptikerin mit Fachhochschuldiplom

Heiko Schwarzburger

Erst das Meisterstudium, dann eine Diplomarbeit über den Tränenfilm. Doch wer dabei an "Doktor Schiwago" denkt, liegt falsch: "Der Tränenfilm spielt für die Verträglichkeit von Kontaktlinsen eine wichtige Rolle", erklärt Silke Hausmann. "Ich habe eine umfangreiche Literaturstudie angefertigt, mit jeder Menge Fachenglisch und medizinischen Begriffen. Das war Neuland für mich, da musste ich mich ganz schön dahinter klemmen."

Die junge Frau, Jahrgang 1968, ist Deutschlands erste Augenoptikerin / Optometristin mit dem Diplom einer Fachhochschule. Die Technische Fachhochschule (TFH) in Wedding bietet seit vergangenem Jahr dieses Studium an. Ende Juni hielt Silke Hausmann als erste TFH-Absolventin den begehrten Abschluss in den Händen. "Damit stehen mir für die Zukunft alle Türen offen", meint sie. "Ich habe bessere Chancen in den Unternehmen, außerdem kann ich in ganz Europa arbeiten." Der Abschluss einer Fachhochschule gilt in der EU ohne Einschränkung, der Abschluss des Optikermeisters wurde bislang nur in Deutschland uneingeschränkt anerkannt.

In Großburgwedel bei Hannover groß geworden, offenbarte sich ihr Hang zum Durchblick erstmals bei einem Schülerpraktikum im Optikergeschäft unweit ihres Heimatortes. Nach der Schule folgte eine Optikerlehre, dann das Fachabitur, "um vielleicht eines Tages doch noch zu studieren", wie Silke Hausmann rückblickend erzählt. Anschließend arbeitete sie sieben Jahre lang als Gesellin in der Filiale einer bekannten Optikerkette. Mit dieser Berufserfahrung kam sie 1996 nach Berlin, an die Staatliche Fachschule für Optik und Fototechnik (SFOF).

"Mich reizte es, noch mehr über Kontaktlinsen, Augenglasbestimmung und die Physiologie des Auges zu lernen", sagt sie. "Technische Optik, auch ein Studienfach, war hingegen nicht unbedingt mein Lieblingsthema." Als sie sich auf ihre Meisterprüfung an der SFOF vorbereitete, eröffnete die TFH gerade ihren neuen Studiengang. Für die Abgänger der SFOF wurde ein einjähriges Zusatzstudium eingerichtet, um auch ihnen das neue Diplom zu ermöglichen. "Da war für mich sofort klar, dass ich noch ein Jahr länger mache", erinnert sich Silke Hausmann. "Die Umstellung vom verschulten Lehrbetrieb der Fachschule auf den relativ freien Seminarablauf an der Fachhochschule verlief manchmal ein bisschen chaotisch. Immerhin waren wir die Ersten, die das Diplom an der TFH machten. Aber es hat sich gelohnt."

Auf dem Lehrplan des Zusatzstudiums standen praktische Übungen und vertiefende Kenntnisse zu medizinischen und betriebswirtschaftlichen Fragen. Moderne Optiker müssen alles können: von Werkstattsarbeiten, einfachen Messungen am Auge, dem Verkauf und das Kundengespräch bis hin zur Auftragsabrechnungen und Bestellung von Brillen, Kontaktlinsen oder vergrößernden Sehhilfen.

Mit dem Thema ihrer Diplomarbeit betrat Silke Hausmann ein bislang wenig beackertes Gebiet zwischen der Augenmedizin und der klassischen Tätigkeit eines Optikers. Die Untersuchungen zum Tränenfilm des Auges bilden wichtige Vorstudien zu neuen Pflegemitteln für Kontaktlinsen. "Es gibt so viele Forschungen auf diesem Gebiet, da muss man ganz genau auswählen, was tatsächlich relevant ist", meint sie. "Drei Monate waren nicht viel Zeit." In Brigitte Krimpmann-Rehberg, Ärztin und frischgebackene Professorin an der TFH, fand sie eine geduldige Mentorin.

Jetzt hat Silke Hausmann den Sprung ins Berufsleben bereits geschafft. Als Trainee tourt sie in den nächsten Monaten durch verschiedene Filialen von Deutschlands größtem Brillenverkäufer, unter anderem in Hamburg, Rostock, Berlin und Neubrandenburg. Ihr Ziel schätzt sie allerdings realistisch ein: "Ich habe mich als Niederlassungsleiterin beworben, aber erst einmal gibt es noch genug zu lernen. Vielleicht gehe ich irgendwann für eine Weile ins Ausland."

Soeben das Diplom in der Tasche, wird sie demnächst zwischen zehn und zwanzig Mitarbeiter führen. "Fachlich bin ich jetzt durch das Studium und meine Berufserfahrung ziemlich fit", sagt sie. "Die große Herausforderung wird es dann sein, die Mitarbeiter zu motivieren und einen klaren Führungsstil zu entwickeln."Biaw 0331/747530

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