Zeitung Heute : Deutschlands genialster Bettler

In Bielefeld liegt eine der bekanntesten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts begraben: Pastor Friedrich von Bodelschwingh. Bekannter noch als er selbst ist aber sein Lebenswerk „Bethel“. Die kleine Anstalt wurde im Jahr 1867 gegründet. Zuerst fanden nur anfallskranke Menschen Hilfe, wenig später wurden auch Menschen mit psychischen Problemen aufgenommen. Heute sind die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel Europas größte diakonische Einrichtung mit rund 14 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich in vielen Bundesländern für Menschen einsetzen, die Hilfe brauchen. Ihre Entwicklung wurde wesentlich durch Bodelschwingh forciert.

Bodeschwingh kam 1831 in Tecklenburg zur Welt. Seine Familie gehörte zum alten Adel. Nach dem Abitur begann er ein Studium an der Philosophischen Fakultät in Berlin. Doch schnell zog er das praktische Handeln vor und absolvierte eine Ausbildung zum Landwirt. Während seines theologischen Studiums erwarb er zusätzlich Kenntnisse in der Krankenpflege und Arzneikunde.

Seine erste Stelle führte ihn nach Paris zur Evangelischen Mission. Bodelschwingh gelang es, Spenden in Deutschland zu sammeln und auf dem Montmartre eine kleine Kirche und Schule zu errichten. 1872 wagte er einen beruflichen Neuanfang und übernahm in Bielefeld die „Anstalt für Epileptische“. Die Entwicklung der seit 1874 „Bethel“ genannten Einrichtung trieb er mit enormer Kraft voran. Jedes Jahr wurden neue Häuser errichtet, immer mehr kranke und hilfebedürftige Menschen konnten aufgenommen werden.

Bei der Finanzierung erwies sich Bodelschwingh als talentierter Spendensammler. Theodor Heuss hielt ihn gar für den genialsten Bettler, den Deutschland je gesehen hat. Armut und Massenarbeitslosigkeit beschäftigten Bodelschwingh sehr. So gründete er Arbeiterkolonien unter dem Motto: „Arbeit statt Almosen“. 1903 ging er in die Politik und engagierte sich für die Lage der Wanderarbeiter. Bodelschwinghs Tatendrang schien noch im Alter ungebremst, doch sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Er starb am 2. April 1910. Tsp

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