Deutschlands Mittelschicht : In der Mitte wird es eng

Jahrzehntelang hat die Mittelschicht das Land geprägt, doch jetzt geht hier die Angst um: Wo früher Aufstieg möglich war, droht nun der Abstieg – eine Folge von Globalisierung und ins Ausland verlagerter Arbeit

Nadja Klinger
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Deutschlands Mittelschicht. Wo früher Aufstieg möglich war, geht nun die Angst vor dem Abstieg um. -Foto: Caro

Es war ein Freitagnachmittag, als das Telefon klingelte. Hans Schütze ahnte etwas. Er meldete sich nicht mit Namen, hielt nur den Hörer ans Ohr.

„Es ist so weit“, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung, ein Kollege.

Schütze starrte durch die Wohnzimmergardine hinaus in einen blaugrauen Himmel über Hamburg. Er machte ein paar Schritte, drehte um, machte wieder Schritte, hin und her, getrieben von einem Gedanken: ‚Hätten wir nur dieses Reihenhaus nicht gebaut.’

Das war vor fünf Jahren. Das kleine Reihenhaus stand mitten in Schützes Leben. Hier hatte seine Frau für die zwei Kinder gesorgt, während er in der Firma arbeitete. Hier verbrachte er die Feierabende, werkelte an den Wochenenden. Er erzählte von der Firma, wenn man sich am Gartenzaun nach seinem Befinden erkundigte. Für das Reihenhaus hatte er einen Kredit aufgenommen, der fast bis ans Lebensende laufen würde. Das Haus ist Teil seiner Biografie.

Seit 1969 hatte Schütze im Hamburger Großhandel gearbeitet. Im Vertrieb, dann als Facheinkäufer. Er arbeitete sich vom Hauptschüler zum Einkaufsleiter für Tabakwaren hoch. Als die ersten Händler fusionierten, wusste er, dass es nichts Gutes bedeutet, wenn aus vielen kleinen Kunden ein großer wird. Was, wenn der plötzlich wegbrach? Schütze vertraute sich den Lieferanten an. „Ruf an, wenn du einen neuen Job brauchst!“, sagten die. Schütze fühlte sich sicher.

Als der Belegschaft die Insolvenz mitgeteilt wurde, standen die Männer steif und die Frauen weinten. Gemeinsam lösten sie den Betrieb auf. Drei Monate lang. Schütze grübelte viel in seinem leeren Büro. Er rief die Lieferanten an. Du, dat wird nix, sagten die. Schütze fühlte sich alleingelassen, aber alleine ist er nicht.

Vor wenigen Wochen hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, DIW, einen Bericht vorgelegt, demzufolge jene Deutschen, die 70 bis 150 Prozent des Durchschnittseinkommens haben, die also anständig bis sehr gut verdienen, immer weniger werden. In Westdeutschland, vor der Wende, waren sie die deutliche Mehrheit der Bevölkerung. Im Jahr 2000 noch 62,3 Prozent. Nun gehören nur noch 54,1 Prozent zur mittleren Einkommensschicht. Diese Entwicklung verändert Deutschland, das Selbstverständnis der Menschen. „Da geht etwas verloren, worauf sich die Bundesrepublik jahrelang gestützt hat“, sagt DIW-Experte Markus Grabka. Er arbeitet mit am mittlerweile dritten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.

Wie keine andere soziale Schicht hat „die Mitte“ die alte Bundesrepublik nach dem Krieg geprägt. In der Mittelschicht geht man seit Jahrzehnten nicht einfach nur arbeiten. Man steigt auf, nutzt Chancen, erreicht etwas, spart, schafft an, baut. Man ist Vereinsmitglied, engagiert sich, besitzt Versicherungspolicen, sichert sich eine Rente. Man geht zu Vorsorgeuntersuchungen. In der Mitte ist der Markt. Hier leben Vatermutterkindfamilien sowie die Wähler, die Wahlen entscheiden. Deutschland dreht sich um seine Mitte. Aber die hat Schwindsucht.

Es geht um Biografien. Um das Verschwinden von Familien. Von den Paaren mit minderjährigen Kindern bis zu 16 Jahren gehörten laut DIW im Jahr 2006 mehr als drei Millionen Personen weniger der Mittelschicht an als zuvor. Es geht darum, dass Menschen nichts falsch gemacht haben müssen, wenn ihr Leben plötzlich aus der Spur läuft. Es geht um einen Arbeitsmarkt, der immer weniger Verheißungsvolles zu bieten hat. Und um die Reihenhäuser, die vorfinanzierten Statussymbole der westdeutschen Nachkriegsgeneration, die plötzlich zum Problem werden. Es geht um Ängste, um Scham. Wer Angst vor dem Abstieg hat, spricht selten darüber und will in der Zeitung anders heißen als in Wirklichkeit. Wie Schütze. Wie die Frau aus der Medienbranche und die Frau aus dem öffentlichen Dienst, von denen noch die Rede sein wird.

Schützes Frau heuerte bei einer Zeitarbeitsfirma an. Auch er reagierte sofort. Prüfte die Ausgaben, kündigte Versicherungen, wechselte den Telefonanbieter. Bestellte die Zeitung ab, verkaufte das Auto. „Und das Haus?“, fragte die Frau am Abend. Mit dem Erlös könnten sie die Darlehen begleichen. Bestimmt bliebe noch etwas übrig. „Sollen wir unser Haus verfrühstücken?“ erwiderte er.

Inzwischen ist es 2008. Jeden Tag sitzt Schütze am Computer, sucht Stellenanzeigen, bewirbt sich. Bald wird er 60. In den Bewerbungen muss sein Lebenslauf hinten beginnen. Man erfährt zuerst, wie Schütze scheiterte: beim Versuch, sich als Altenbetreuer selbstständig zu machen. Mit dem Bürojob, den er nur ein paar Wochen hatte, weil er bloß eine Beschäftigungsmaßnahme war. Bei der Inkassofirma, wo er Kisten voller Schuldscheine bearbeitete von Menschen mit einem ähnlichen Schicksal wie seinem. Man muss lange lesen, um bis zu jenem Teil vorzudringen, der Schützes Leben war. Er wird nie zum Gespräch geladen. Er hat sein Reihenhaus noch. Aber nicht mehr das Gefühl, noch etwas für sich tun zu können.

Manchmal weiß er selbst nicht mehr, wer er ist. Er erlebt sich grübelnd, dünnhäutig, aufbrausend. Seine Frau sagt: „Auch uns wird die Sonne wieder scheinen.“ Einst verliebte er sich in sie, weil sie so sprach. Inzwischen antwortet er: „Ich sehe das nicht.“ Denn die meisten Menschen steigen nicht mehr in obere Einkommensklassen auf.

In den Diagrammen des DIW ist ihr Verschwinden aus der Mittelschicht eine Kurve, die nach unten geht. „Abwärtsmobilität“, nennen das die Wirtschaftsforscher. Hans Schütze sagt: „Abwärts ist der tiefe Fall.“ Fünf Millionen Menschen haben ihn zwischen 2000 und 2006 vollzogen. Zwar sind etwa 11,1 Prozent aus der Mittelschicht in die Gruppe der Besserverdiener aufgestiegen. Doch häufiger geht es in die andere Richtung. Etwa 14 Prozent der Mittelschicht von 2000 waren laut DIW sechs Jahre später von Armut gefährdet. Immer mehr Menschen arbeiten für immer weniger Geld. Forscher der Universität Duisburg haben dazu in dieser Woche eine Studie mit neuen Zahlen vorgestellt. Gut jeder fünfte Beschäftigte bekommt demnach weniger als zwei Drittel des Durchschnittslohns. Was den Niedriglohn betrifft, ist Deutschland internationale Spitze, gleich hinter den USA. Die Duisburger Wissenschaftler fanden es auffällig, dass ein hoher Anteil derer, die im Niedriglohnsektor arbeiten, keine Geringqualifizierten sind.

Wer fällt, kommt nur selten wieder hoch, auch das sagen die Zahlen.

Wenn Anet Pagels in ihren großen Spiegel schaut, will sie keinesfalls die Frau sehen, die gefallen ist. Sie trägt teure Stiefel, die sie rasch kaufte, als sie einmal Geld hatte. Die blonden Strähnen im Haar sind frisch gefärbt. Anet Pagels lächelt sich im Spiegel an. Sie ist Mitte 40. Sie hat niemals Schulden gemacht, nicht einmal ihr Konto überzogen. Seit über zehn Jahren arbeitet sie in der Medienbranche, kennt Hinz und Kunz. Sie hat einen Namen und manchmal auch noch Hoffnung.

Draußen auf der Straße steht ihr BMW- Coupé mit Ledersitzen. Es ist bezahlt, aber es kostet, was Autofahren eben kostet. Er ist zu teuer für sie, denn sie lebt heute von der Hand in den Mund. Ihr Auto ist von gestern. Aus einer Zeit, als sie gut verdiente: bei der Versicherungsfirma, dem Immobilienmakler, der Filmproduktion. Sie ist Germanistin. Urlaubs- und Weihnachtsgelder, Prämien, Gehaltserhöhungen schienen ihr zu attraktiv, um in der Wissenschaft zu bleiben. Eine Agentur für Schauspieler und Moderatoren stellte sie für 5200 D-Mark ein. Bis zur Euroumstellung wurden 3350 Euro daraus, plus Sonderzuschläge. Gestern war die Zeit, da sie im Urlaubsköfferchen einen Brief der Chefin fand: „Danke für die gute Arbeit, Verlässlichkeit und Treue. Schöne Tage in New York!“

Gestern endete im Frühjahr 2005, als die Fernsehsender Programme umstellten und Sendungen und Moderatoren abgesetzt wurden, als kaum noch Geld in die Agentur floss und die Chefin weinte, weil sie Anet Pagels entlassen musste.

Nach vielen vergeblichen Bewerbungen hat Pagels Anfang 2006 selbst eine Schauspielagentur aufgemacht. Sie begann mit neun Künstlern in einem Erdgeschossbüro in der Innenstadt. Mittlerweile hat sie 24. Keiner kann von seinem Beruf leben. Und sie nicht von ihnen: 18 aus der Kartei haben ihr bis heute keine 100 Euro eingebracht. Dafür hat sie Kosten. Miete, Strom, Telefon, Recherchen, Werbematerial, Post. Nachdem sie ein Jahr Agentin war, ermittelte der Steuerberater die Einnahmen, 14 661 Euro. Aber sie hatte 21 214 ausgegeben. Sie hatte keine Wohnung, lebte bei Freunden. Nachts arbeitete sie auf der Post an einer riesigen Maschine, sortierte Briefe im Akkord. Vom Lohn kaufte sie Essen. Sie war der Arbeitslosenstatistik entkommen, nicht aber der Not.

Irgendwann hat sie auf der Straße den Makler gesehen, für den sie vor 15 Jahren gearbeitet hatte. Damals waren seine Geschäfte schiefgegangen. Statt ihr ihre 4500 D-Mark Gehalt zu zahlen, stellte er ihr einen Schuldschein aus. Sie hatte das Geld nötig, doch sie hat den Mann nicht angesprochen. Sie sagt: „Er war so ein guter Chef.“ Der Gedanke ist von gestern wie das BMW-Coupé. Anet Pagels betreibt heimlich Nebenjobs, um offiziell eine Agentin zu sein. Sie will jetzt allen Künstlern, die kein Geld einbringen, kündigen. Sie zögert, denn sie will eine gute Chefin sein. Doch sie hat keine Wahl mehr. Sie wird den Druck, der auf ihr lastet, an die Schauspieler weitergeben.

Sie hat gerade eine kleine Wohnung gefunden. Ihr Steuerberater sagt, sie sei fürs Alter unterversorgt. Sie wünscht sich eine Zahnersatzversicherung und Berufsunfähigkeitsvorsorge. Sie würde gern sparen. Sie träumt den alten deutschen Traum von Geld und Sicherheit weiter. Sie hofft, dass sie ihn sich mit Arbeit selbst erfüllen kann. Sie hat schlaflose Nächte deshalb.

Der Anteil der Deutschen, die sich „keine Sorgen“ machen, lag in den 80er Jahren über 40 Prozent, ermittelten die DIW-Forscher, in den 90ern waren etwa 30 Prozent sorglos. Jetzt sind es 23.

Rosi Gerstner gehört nicht zu ihnen, obwohl es ihr finanziell gut geht. „Die Sorge um die soziale Position ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, schreiben die Forscher. Sie sagt: „Ich jammere auf hohem Niveau.“

Es hat damit zu tun, dass ihr Selbstverständnis angegriffen ist. Seit fast 30 Jahren ist Rosi Gerstner Sachbearbeiterin bei den Berliner Verkehrsbetrieben, BVG. Sie arbeitet, seit sie Teenager war. In der Gastwirtschaft der Eltern in Berlin-Wilmersdorf, sie wurde Hotel- und Gaststättenkauffrau, Stenotypistin. Ihr Mann war Polizist. Schicht- und Nachtdienste gehörten zum Familienleben. Bald wird sie 60. Was sie sich leistet, hat sie vom eigenen Einkommen bezahlt. Arbeiten ist ihr Leben. An einem Märzmorgen dieses Jahres aber hat sie ihren Mantel nicht auf den Kleiderbügel im BVG-Hauptgebäude gehängt. Sondern an einem Wandhaken auf dem Betriebshof. Sie saß in einem kargen Kabuff und wärmte die Hände an einer Tasse Kaffee. Das Kabuff war das Streikbüro. Sie war pünktlich wie immer. Heute kam sie, um die Arbeit niederzulegen.

Etwas in ihr hat sich verändert. Mitte der 70er hatten sie und ihr Mann zusammen 4300 D-Mark und zwei Autos. Sie fuhren zum Campingurlaub an die Ostsee oder nach Bayern. In den 80ern erhöhte sich das Einkommen, es gab Urlaubs- und Weihnachtsgeld und Sonderzahlungen. Gerstners planten und sparten. Sie bauten ein Haus in Zehlendorf. Ihrem Sohn gaben sie alles, was Bildung versprach. Als die Währung umgestellt wurde, hatten sie ein Familieneinkommen von knapp 4000 Euro. Sie verdienen heute mehr als je zuvor.

Doch die BVG zahlt nun kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld mehr. Sonderzahlungen, Essenszuschüsse, Freifahrten, die Berlinzulage sind weggefallen. Das Haus ist noch nicht abbezahlt, die Steuern steigen und die Preise. Was Rosi Gerstner zum Jammern bringt, ist ihr Haushaltsbuch. Es erzählt davon, dass sich die Gesellschaft geändert hat. Dass der Wert der Leistung gesunken ist. 2007 haben deutsche Beschäftigte das vierte Jahr in Folge so viel gearbeitet wie immer, dasselbe Geld bekommen, aber sie konnten davon ihren Alltag immer schwerer bestreiten. Wie schnell sich dadurch Lebenssituationen verändern, sieht man an dem Tempo, mit dem die Mittelschicht schrumpft. Sind die Unkosten beglichen, steht in Rosi Gerstners Haushaltsbuch ein Betrag, der 1500 Euro unter dem liegt, den sie vor ein paar Jahren notierte. Ihre Existenz ist nicht gefährdet. Aber sie fürchtet sich.

Wenn sie abends nach Hause kommt, schaut sie mit ihrem Mann die Fernsehnachrichten. Sie kennen sich mit der Steuerreform aus, die Spitzenverdiener entlastet und Geringverdienern das Leben erschwert. Sie reden über die Globalisierung, den Arbeitsmarkt. Immer öfter schleicht sich das Wort „ungerecht“ in ihre Gespräche. Immer öfter schimpfen sie. Auch im Fernsehen schimpfen die Leute: auf die Streikenden der BVG. Gehälter werden verglichen, Lebenslagen.

Gerstners haben eine Verabredung getroffen. Seit sie sich kennen, wählen sie die CDU. Auch zur nächsten Bundestagswahl gehen sie, sie betrachten es als Bürgerpflicht. Aber ab jetzt werden sie ungültige Stimmzettel abgeben.

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