Zeitung Heute : „Deutschlands Rolle ist entscheidend“

Afghanistans Minister für Wiederaufbau über die ausländische Präsenz – und den Kampf gegen den Drogenanbau

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ARMIN FARHANG

ist Minister für Wiederaufbau in Afghanistan. Der Volkswirt lebte 20 Jahre in Deutschland und lehrte unter anderem in Bochum.

Foto: Ulrike Scheffer

Herr Minister, welche Bedeutung hat die Berliner Konferenz?

Zweieinhalb Jahre nach Beginn des Friedensprozesses ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft wollen wir erörtern, welche Ziele erreicht wurden, warum andere verfehlt worden sind. Gleichzeitig werden wir besprechen, welche Hilfe Afghanistan in den kommenden Jahren benötigt.

Welche Rolle spielt Deutschland beim Wiederaufbau Ihres Landes?

Eine entscheidende. Die Deutschen sind auch in schwierigen Situationen eingesprungen. Die afghanische Bevölkerung schätzt besonders, dass Deutschland keine eigenen Interessen hat, sondern dem Land helfen will.

Was erwarten Sie konkret von der Konferenz?

Wir sollten die finanzielle Hilfe neu regeln. Bislang haben vor allem die UN und private Organisationen Geld erhalten, weil die afghanische Regierung anfangs noch nicht über genügend Kapazitäten verfügte, um es sinnvoll einzusetzen. Doch das hat sich geändert. Wir möchten, dass künftig mehr Geld direkt an die Regierung fließt, damit wir unsere Prioritäten für den Aufbau verwirklichen können.

Was sind die Prioritäten?

Dazu gehört der Straßenbau. In diesem Jahr wollen wir rund 1500 Kilometer neue Straßen bauen. Weitere Prioritäten sind die Energieversorgung und die Landwirtschaft, hier vor allem Bewässerungsprojekte.

Wo sind schon Erfolge sichtbar?

Vor allem im Bildungsbereich. 2002 gingen wieder 3,5 Millionen Kinder in die Schule, in diesem Jahr rechnen wir mit fünf bis sechs Millionen Schülern. Das sind mehr als 50 Prozent der schulpflichtigen Kinder. Auch der Anteil der Mädchen steigt kontinuierlich .

Afghanistan ist der größte Opiumproduzent der Welt. Was läuft da schief?

Hier handelt es sich um ein internationales Problem, das nicht von einem Land allein gelöst werden kann. In Afghanistan müssen wir uns gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft darum bemühen, den Bauern alternative Einkommensquellen zu erschließen. Man muss ihnen auch klar machen, dass der Drogenanbau gegen die Interessen des Landes und gegen die Werte des Islam verstößt. Aber auch in den Abnehmerländern muss etwas getan werden: Wenn die Nachfrage sinkt, geht auch die Produktion zurück.

Wie lange wird Afghanistan Hilfe benötigen?

Es ist unmöglich, einen genauen Zeitraum zu nennen. Der Bedarf ist groß, aber wir müssen auch unsere internen Ressourcen mobilisieren. Noch bleibt zu viel Geld in den Händen ehemaliger Kriegsherren, die der Regierung beispielsweise Zolleinnahmen aus ihrem Einflussgebiet vorenthalten. Ich hoffe, dass wir innerhalb weniger Jahre auf eigenen Beinen stehen werden. Das Potenzial dazu ist vorhanden: In Afghanistan gibt es Gas-, Eisen- und auch Kupfervorkommen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Nato-Schutztruppe wird künftig auch in den Provinzen präsent sein. Kann das helfen, die Kriegsherren in ihre Schranken zu weisen?

Wenn eine Schutztruppe am Ort ist, müssen die Warlords vorsichtiger vorgehen . Man darf aber nicht erwarten, dass sich sofort alles ändert. Mit der Zeit und ersten Erfahrungen wird man die Strategie optimieren.

Das Gespräch führte Ulrike Scheffer.

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