DFB-Präsident : Wer ist Theo Zwanziger?

Profitabel sein und menschlich bleiben – das hat er den DFB gelehrt. Theo Zwanziger ist einer, der in Krisenzeiten besonders stark ist. Wie jetzt, da er gegen das Bundeskartellamt kämpft.

Robert Ide

Welche Macht haben der Deutsche Fussballbund und sein Präsident?

Mehr Macht, als man von außen sieht. Mit 6,3 Millionen Mitgliedern in 26.000 Vereinen ist der Deutsche Fußball-Bund eine der stärksten gesellschaftlichen Organisationen in Deutschland überhaupt. Noch dazu ist der DFB reich. Allein aus der WM 2006 verblieb ein Überschuss von 106 Millionen Euro, den sich der Verband mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL) teilt, die im Auftrag des DFB die Bundesliga organisiert. Die WM hat nicht nur Deutschland in ein neues Licht gesetzt, sondern auch den ausrichtenden DFB. Eliten aus Politik, Wirtschaft und Kultur drängelten sich auf den Ehrentribünen der Stadien und auch auf den Verbandstreffen des DFB. Theo Zwanziger, der seit 2004 an der Spitze des Verbandes steht, hat es bisher geschickt vermocht, den Machtgewinn zu nutzen. Diskret hat das CDU-Mitglied einen Draht zu Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgebaut, die dem Fußball lange nicht viel abgewinnen konnte. Inzwischen ist sie Ehrenmitglied bei Energie Cottbus, und Zwanziger ist Gast beim Integrationsgipfel im Kanzleramt. Der einstige Landtagsabgeordnete in Rheinland-Pfalz und Regierungspräsident in Koblenz weiß, dass sich Politik in öffentlichen Schlachten entscheidet – und in den Sondierungen zuvor. Deshalb hält er Kontakt zu den Behörden; im September 2007 besuchte er etwa das Bundeskartellamt. Umso mehr erzürnt ihn nun der unangekündigte Besuch der Kartellwächter in dieser Woche. Die Fahnder durchsuchten die Büros des DFB und der DFL in Frankfurt am Main und beschlagnahmten Unterlagen. Der Verdacht: „wettbewerbsbeschränkende Absprachen“ zwischen DFB und DFL bei Verhandlungen mit Sponsoren. Der deutsche Fußball ein Kartell? Wenn Zwanziger das hört, wird er laut am Telefon. „Wo soll denn hier ein Kartell sein?“, ruft er. „Die Nationalmannschaft ist ein Volksgut, sie konkurriert mit anderen Nationalmannschaften, aber doch nicht mit der Bundesliga.“ Am Montag will er einen Beschwerdebrief ans Bundeskartellamt schicken, ein offener Brief soll das sein. Der Präsident weiß um die Macht seines Verbandes, und er weiß sie einzusetzen.

Wie geht Zwanziger mit Krisen um?

Schlechte Zeiten im DFB waren meist gute Zeiten für Theo Zwanziger. Denn dann vertrauen sie ihm – dem Juristen, Gremienarbeiter, Konsenssucher und, wenn es sein muss, öffentlichen Polterer. Als Gerhard Mayer-Vorfelder 2004 im Herbst seiner Präsidentschaft eigenständig und vergeblich einen Nachfolger für den bei der EM zurückgetretenen Teamchef Rudi Völler suchte, stellte DFBSchatzmeister Zwanziger – gestützt auf die Amateurverbände – die Machtfrage. Am Ende kam es zur Doppelspitze, in der Zwanziger zwei Jahre lang den aktiven Präsidenten gab. Im Wettskandal um den Berliner Schiedsrichter Robert Hoyzer gewann er dann weiteres Profil. Intern setzte er eine zügige Aufklärung durch, in der Politik rückte er das Thema Sportwetten auf die Agenda, er reformierte das Schiedsrichterwesen und verklagte Hoyzer auf Schadenersatz. Auch im jetzigen Konflikt mit dem Bundeskartellamt, in dem dem DFB Millionenstrafen und ein Imageschaden drohen, setzt der 62-Jährige auf Aktion. Nach der ersten Empörung über die „unverantwortlichen Frechheiten“ der Behörde las er sich zu Hause in die Materie ein, am Freitag beriet er den gesamten Tag über mit Experten und Juristen. Nun will er beweisen, dass es mit der DFL keine wettbewerbseinschränkenden Absprachen gab. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe Sponsoring mit der DFL, die das Kartellamt im Visier hat, habe keine Werbekunden untereinander aufgeteilt – sondern interne Abstimmungen vorgenommen, etwa wenn ein Nationalspieler des FC Bayern im DFB-Dress für Mercedes werben müsse und im Bayern-Trikot für Audi. Zwanziger muss wieder mal tun, was ihm liegt, was ihn aber manchmal auch nervt: Er muss Behörden erklären, wie sein Verband funktioniert und organisiert ist.

Wie will Zwanziger den Streit mit dem Kartellamt gewinnen?

Der DFB ist der größte Sportverband der Welt. Das ist er auch, weil er Amateurvereine und Profiklubs unter einem Dach vereint. Laut Kartellamt müssen DFB und DFL um Sponsoren wetteifern – so wie zwei Unternehmen der Zuckerindustrie. Das ist die erste Kernfrage dieses Streits. „Juristisch sind DFB und DFL zwei eigenständige und mithin konkurrierende Unternehmungen“, sagt Silke Kaul, Sprecherin des Bundeskartellamts. Zwanziger hält dagegen: „Die DFL ist eine mitgliedschaftliche Organisation des DFB.“ Seit September 2000 existiert der Ligaverband unter dem Dach des DFB. Sein Zweck ist es, die ihm vom DFB exklusiv überlassene Vereinseinrichtung „Bundesliga“ zu organisieren und zu vermarkten; juristisch und wirtschaftlich ist er selbstständig. Dennoch ist der Ligaverband wie jeder Landesverband ordentliches DFB-Mitglied. Was den Zwang zur gegenseitigen Konkurrenz betrifft, hat Zwanziger weitere Gegenargumente gefunden, zum Beispiel im Rundfunkstaatsvertrag. Dort ist geregelt, dass „Ereignisse von erheblicher gesellschaftlicher Bedeutung“ im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt werden müssen. Dazu zählen alle Länderspiele der Nationalmannschaft. „Wie sollen wir mit der Bundesliga konkurrieren, wenn für uns ganz andere Bedingungen gelten?“, fragt Zwanziger. Genau hier findet sich die zweite Kernfrage des Streits: Agieren DFB und DFL mit ihren Produkten Nationalmannschaft und Bundesliga auf dem gleichen Markt oder nicht? Das Problem für den DFB ist, dass das Bundeskartellamt über die Abgrenzung der Märkte entscheidet. Zwanziger kündigt zwar an, gegen eine mögliche Strafe zu klagen – doch dabei hat er nach Meinung von Rechtsexperten nur eine Chance, wenn das Kartellamt seine Marktabgrenzung nicht schlüssig beweisen kann. Hier hat Zwanziger weniger Einfluss, als ihm lieb sein kann.

Wie entwickelt sich der DFB unter Zwanziger?

Hochprofitabel mit möglichst menschlichem Antlitz. Das liegt an Zwanzigers Herkunft. Er kam über die Regionalverbände an die Verbandsspitze, noch immer ist er Vizepräsident und regelmäßiger Zuschauer bei seinem Heimatverein VfL Altendiez, der in der achten Liga kickt. Zu Beginn seiner Amtszeit ist Zwanziger als „Präsident der Amateure“ verspottet worden, die Bundesliga stellte ihn unter Beobachtung. Zwanziger legt Wert auf soziale und gesellschaftliche Projekte. Er hat die lange beschwiegene Nazivergangenheit des DFB aufarbeiten lassen; sein Vater war als Soldat kurz vor Kriegsende im Kampf um Berlin gefallen. Er fördert fast schon penetrant den Frauenfußball, der mit der WM 2011 einen neuen Schub bekommen soll. Und er lässt 1000 Bolzplätze für Schulkinder bauen. Finanziert wird das Projekt durch einen deutlich aufgestockten Ausrüstervertrag von Adidas. Den hatte Zwanziger dem Traditionspartner des DFB abgepresst, indem er öffentlich mit einem 500-Millionen-Angebot von Nike kokettierte und eine bereits verkündete Vertragsverlängerung mit Adidas für nichtig erklärte. Auch hier agierte Zwanziger resolut. Von einem Schiedsgericht musste er sich aber sagen lassen, dass der Vertrag mit Adidas bereits rechtskräftig sei. Adidas erhöhte die Konditionen, und der Frieden war gerettet. Trotzdem: Zwanziger musste sich nach selbstbewussten Ankündigungen in juristischen Fragen korrigieren lassen. Eine solche Erfahrung ist auch im Streit mit dem Kartellamt nicht auszuschließen.

Welche Probleme muss Zwanziger lösen?

Intern zunächst keine. Der letzte DFB- Bundestag geriet zum Theo-Zwanziger- Jubel-und-Umarmungs-Kongress. Der Präsident ist unumstritten und hat auch einige prominente Gesichter wie die ehemaligen Fußballhelden Matthias Sammer und Oliver Bierhoff um sich geschart. Sorgen müssen Zwanziger dagegen die wachsenden Begehrlichkeiten der Bundesliga machen. Die DFL beharrt auf einem neuen Grundlagenvertrag, um mehr Geld für die Profiklubs zu generieren. Zudem diskutieren die – auch mit dem Bundeskartellamt – über die zentrale TV-Vermarktung der Vereine. Bislang wird das Geld nach Leistung, aber auch nach solidarischen Gesichtspunkten verteilt. Spitzenklubs wie die Bayern propagieren dagegen die Einzelvermarktung, die nur ihnen erheblich mehr Geld bringen würde. Außerdem will die DFL die Bundesliga-Spieltage zersplittern und die Fernsehberichte selbst produzieren (pikanterweise in einer gemeinsamen Firma mit Medienpleitier Leo Kirch). Zudem klopfen Finanzinvestoren immer lauter an die Türen der Bundesliga-Klubs. Die 50-plus-1-Regelung, nach der mehr als die Hälfte der Klubanteile im Verein bleiben muss, könnte irgendwann fallen. Dann werden nach den Spielern auch die Klubs zur Handelsware – die Kluft zwischen kleinen und großen Vereinen würde wachsen, die Fliehkräfte im DFB wären immer stärker. „Sollen wir denn alles vermarkten? Auch die Trillerpfeife der Schiedsrichter?“, fragt sich Theo Zwanziger. Die Kommerzialisierung des Fußballs will der Fußballpräsident weiterhin kritisch begleiten. So könnte er auch beweisen, dass DFB und DFL zusammengehören. Und sich deshalb keine Konkurrenz machen.

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