Zeitung Heute : DHM-Direktor soll zum 1. November Leitung des Feuilletons übernehmen - aber niemand will sich dazu äußern

Joachim Huber Bernhard Schulz

Die Berliner Medienlandschaft gilt als hektisch und aufregend; wahr ist, dass sie bizarr ist. Wie bizarr, zeigt sich an der jüngsten Personalie. Christoph Stölzl, Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin, wird Kulturchef der überregionalen Tageszeitung "Die Welt". Er soll seine neue Aufgabe am 1. November übernehmen, heißt es aus dem Axel-Springer-Verlag in Hamburg. Unterzeichnet sei der Vertrag noch nicht. Stölzl selbst war für eine Stellungnahme nicht erreichbar, er hält sich im Ausland auf - so jedenfalls das DHM, dessen Pressestelle gestern im Übrigen verwaist war. Ebenfalls nicht bereit zur Preisgabe von Gründen und Beweggründen war Claus Larass, Zeitungs-Vorstand des Springer-Konzerns: Sein Hamburger Büro teilte mit, er sei "im Urlaub und dort im Funkloch". Schweiger No. 3 war "Welt"-Chefredakteur Mathias Döpfner - kein Rückruf unter seiner Nummer.

Stölzl wird Thomas E. Schmidt (40) ablösen, der erst im März 1999 von der "Frankfurter Rundschau" zur "Welt" kam. Schmidt bekommt einen Autorenvertrag. Wie es aus Hamburg heißt, hätte Schmidt die Ressortleitung nur noch ausgeübt, bis ein Nachfolger gefunden worden sei. Allerdings habe Schmidt bei seinem Rücktritt erfahren müssen, dass schon länger an einer, seiner Nachfolge gearbeitet worden sei - eben für Christoph Stölzl. Der "Flurfunk" in den Springer-Chefetagen bot folgendes Szenario zu den Hintergründen an: Chefredakteur Döpfner sei die Personalie Stölzl ans Herz gelegt worden, und zwar von der "Seilschaft" Helmut Kohl (Stölzls Mentor), Leo Kirch (Springer-Anteilseigner) und Peter Radunksi (CDU-Kultursenator von Berlin). Kolportiertes Kohl-Zitat: "Um Stölzl müssen wir uns kümmern." Kolportierte Kirch-Denke: Möchte wieder seine alte, also eine nicht liberale "Welt" auch im Feuilleton lesen. Und Zeitungs-Vorstand Claus Larass brauche just die Kirch-Stimme, wenn er Springer-Chef werden wolle. Andere Version: Der unionsnahe Christoph Stölzl müsse für sein DHM mit Etatkürzungen seitens der rot-grünen Bundesregierung rechnen. Da galt es, beizeiten die Flucht nach vorne anzutreten.

Zeitungs-Quereinsteiger Stölzl hat bisher noch nicht als hauptberuflicher Journalist gearbeitet. Sein Wechsel zum Tagesjournalismus gibt um so mehr Rätsel auf, als seine Position als Direktor des Geschichtsmuseums unumstritten ist. Allseits ist ihm Lob für seine Arbeit zuteil geworden. Seit er 1980 die Leitung des Münchner Stadtmuseums übernahm und mit ebenso ansprechenden wie (maßvoll) provozierenden Ausstellungen Erfolg hatte, gilt er als einer der führenden Museumsleute in Deutschland. Die Berufung an die Spitze des in Gründung befindlichen Geschichtsmuseums 1987 war zunächst von Skepsis begleitet, ob diese, vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl forcierte Einrichtung mehr werden könne als eine regierungsamtliche Propagandastelle. Stölzl überzeugte seine Kritiker indessen bald, indem er das DHM bereits während der Aufbauzeit mit Ausstellungen zu Themen wie dem Ausbruch des Krieges oder der Kanzlerschaft Bismarcks über jeden Verdacht parteipolitisch gefärbter Einseitigkeit erhob. Auch der Aufbau einer Sammlung, von Experten zuvor als unmöglich bestritten, gelang über alle Maßen erfolgreich. Mittlerweile besitzt das DHM zehntausende von Objekten, die es im Zeughaus nach Abschluß der Renovierungsarbeiten ab 2001 zu einem Panorama der deutschen Geschichte von den Anfängen bis heute arrangieren will.

Der - auch dank der finanziellen Ausstattung des Hauses samt zukünftigem Erweiterungsbau von Stararchitekt I.M.Pei - von vielen als Traumjob erachtete Direktorenposten am DHM genügte Stölzls Ambitionen jedoch nicht. Bereits nach der letzten Abgeordnetenhauswahl ließ er sein Interesse am Amt des Berliner Kultursenators erkennen. Später dann stellte sich die Frage des Nachfolgers im Amt des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Stölzl warf seinen Hut als Kandidat der liberalkonservativen Bundesregierung in den Ring, stieß damit aber bei den Bundesländern auf erbitterten, föderal begründeten Widerstand. Nach der Bundestagswahl vom vergangenen September war dann der Weg für den SPD-Länder-Kandidaten Klaus-Dieter Lehmann frei. Stölzl hat diese, von ihm als zutiefst ungerecht empfunde Niederlage nicht verwunden. Auch ließ er erkennen, dass ihn die Aussicht auf Vollendung seines Berufsweges im Amt des DHM-Direktors nicht befriedige. Allerdings hätte man eher einen Wechsel in die Kulturpolitik erwartet, zielten doch Stölzls zahlreiche Wortmeldungen in Zeitungsbeiträgen, Podiumsdiskussionen und im Radio auf eine entsprechende Wirkung.

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